Die ewigen Wander-Zigeuner

Die Lebenserinnerungen von meinem Schwiegervater Hans Ehrenpreis.

Dieses Buch beschreibt sein Leben als Deutschstämmiger in Russland, die Vertreibung und Flucht in den Wirren
des 2. Weltkriegs sowie sein Leben in der ehemaligen DDR und der BRD. (1929 – 2004) Mein Schwiegervater wird
in diesem Jahr (2019) 90. Jahre alt und erfreut sich Altersentsprechend noch immer bester Gesundheit. 

 Rechtliches

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Die ewigen Wander-Zigeuner

Da haben sie es aber einmal gut getroffen”, rief mein Vater aus, nachdem er einen Ausweis in den Händen hielt, den man ihm erst wenige Minuten zuvor ausgehändigt hatte . E W Z stand in großen Leitern darauf . “Wie meinst du das, Joseph?”, wollten die umstehenden Männer wissen, was haben sie gut getroffen? “E W Z” rief er, die ewigen Wander-Zigeuner. Das ist die richtige Bezeichnung für uns.”

Ja, wir Deutschstämmigen haben in der Sowjetunion tatsächlich ein Wanderleben geführt. Vertrieben von einem Ort in den anderen, und nie wirklich zu Hause. Einige von uns sind im wahrsten Sinne auf der Strecke geblieben. Einige aber haben es geschafft, nach jahrelangem Herumirren ihren Platz im Leben zu finden. Ich hatte dieses Glück, meinem Schicksal bin ich dafür sehr dankbar.

Als Deutsche mitten in Russland

Mein Geburtsort liegt fernab von hier in der Ukraine . Der Ort, er hatte damals rund 3000 Einwohner, heißt Dobroje und liegt im Nikolajew-Gebiet, im Kreis Baschtanski. Es war eine vorwiegend von Deutschstämmigen aufgebaute und bewohnte Kleinstadt, in der man friedlich zusammenlebte . Meine Eltern, Joseph Ehrenpreis und meine Mutter Barbara, geborene Schmidt, waren beide deutschstämmig, das heißt, sie lebten als Deutsche im Kreise von nahezu ausschließlich deutschen Verwandten und Bekannten in Russland .

Vater wurde am 6. Februar 1896 in Dobroje geboren, Mutter am 2. Februar 1891 im rund 18 Kilometer entfernten Neukarlsruhe. Sie pflegten gewissenhaft ihre deutsche Muttersprache und ihre deutschen Wurzeln. Ihre Vorfahren waren unter der Kaiserin Katharina der Großen in die Ukraine ausgewandert. Vaters Vorfahren kommen aus Schwetzingen, Mutters,Wurzeln liegen in Karlsruhe .

Das friedliche Leben in Dobroje fand mit der russischen Revolution im Jahre 1917 ein jähes Ende. Mit dem Kommunismus kamen Streiterein, die Menschen in unserer Stadt wurden unterdrückt. Stalin wurde glorifiziert, wer ein falsches Wort über ihn oder das kommunistische Regime verlor, kam weg, das heißt in die Verbannung nach Sibirien. Viele wurden bei Nacht und Nebel abgeholt und sind nie wieder zurückgekommen.
In diese Zeit wurde ich am 10. Oktober 1929 hineingeboren und sie prägte meine ersten Kindheitsjahre.

Anfang der 30er Jahre wurden die Kolchosen gebildet .Vorausgegangen war die systematische Enteignung aller Grundbesitzer, man nahm ihnen einfach ihr Land weg. Mein Großvater mütterlicherseits, er stammte aus einer Bauernfamilie, hatte damals 180 Hektar Land sein eigen genannt. Bis auf einen kleinen Garten von vielleicht 25 Ar, den jede Familie zugeteilt bekam , nahm man ihm alles weg.

Auf dem Weg nach Sibirien

Auch unsere Familie hatte unter dem kommunistischen Regime zu leiden. Mit Grauen denke ich an diese Nächte, in denen wir von der GPH, der ukrainischen Polizei, aufgesucht wurden. Sie suchten irgendetwas, wonach, das wussten sie selber nicht. Es sollte etwas sein, womit sie meinen Vater hätten belasten können . Als Lehrer zählte er zu der von den Kommunisten verfemten Klasse der Intellektuellen , die systematisch ausgerottet werden sollten.

Vater stammte aus einer Familie von Professoren , Musikern und Theologen, er studierte katholische Theologie, wollte Priester werden, brach dieses Studium aber ab, nachdem er meine Mutter kennen gelernt hatte, und wurde Lehrer. Die GPH spürte ihm regelrecht nach. Bis er sich eines Tages entschloss, auszuwandern. Im Jahr 1933 reiste er nach Sibirien, um zu sehen, ob er dort mit seiner Familie leben könnte. Ein paar Monate später kam er zurück und nur kurze Zeit später traten wir, meine Eltern, meine drei Brüder Linus, Emanuel, Michael und ich, die Reise ins ferne Sibirien an.

Das Reisen war damals eine weit anstrengendere Angelegenheit als heute. Wir waren wochenlang in unzähligen Zügen unterwegs. Dazwischen hatten wir immer wieder längere Aufenthalte, weil der nächste Zug erst wieder Tage später fuhr.

Mit einem dieser Aufenthaltsorte, es war der Bahnhof von Chargow, verbinde ich ein geradezu traumatisches Ereignis. Auf diesem Bahnhof hieß es, dass wir entlaust werden sollten. Dazu mussten wir uns in ein Bad begeben, unsere Kleider wurden abgenommen und ebenfalls entlaust. Ich war ja damals noch ziemlich klein und auf dem Rückweg vom Bad wieder zum Bahnhof trödelte ich ein wenig. Mein Vater drehte sich immer wieder nach mir um, musste aber auch meine drei Brüder im Auge behalten, die vorausliefen und sich immer mehr von uns entfernten . Vater beschleunigte seinen Schritt – und plötzlich war er weg. Ich konnte ihn nicht mehr sehen, er war wie vom Erdboden verschluckt. Alles Heulen und Schreien half nichts, er kam einfach nicht mehr. Ich stand nun da, vollkommen auf mich alleine gestellt, in einer fremden Stadt, umgeben von fremden Menschen . Irgendwie fand ich den Weg zum Bahnhof und auch zu einer Kinderkrippe, die ich kannte, weil ich sie schon ein paar Mal besucht hatte. Ich war froh, dass ich es soweit geschafft hatte, denn von dieser Krippe wusste ich den Weg zurück zu dem Platz, wo Mutter auf uns wartete. Ich befand mich noch in der Kinderkrippe , da sah ich die große Statur meines Vaters in der Menschenmenge .

So laut ich konnte rief ich nach ihm, er drehte sich um und rannte mir sofort entgegen. Vater weinte, als er mich an sich drückte, so froh war er, dass er nun wenigstens einen seiner vier verloren geglaubten Söhne wieder hatte. Linus mit Michael auf den Schultern und Emanuel waren nämlich auch verschwunden. Vater brachte mich zur Mutter und ging dann zur Polizeiwache , um den Verlust seiner drei anderen Söhne zu melden . Er hatte gerade die Personalien aufgegeben und war im Begriff , zu uns zurückzukehren , da kamen sie ihm entgegen. Gottlob, nun waren wir alle wieder beisammen.

Dann ging die Reise weiter. Wir fuhren über die Stadt Benze nach Kuibischew, das heutige Samara. Dort stieg Vater aus dem Zug, um Tee für uns zu holen . Als er aus dem Teeladen zurückkam, sah er unseren Zug noch stehen, schaute einem Bahnbediensteten beim Kehren zu und bemerkte plötzlich , dass die Lok dieses Zuges, den er für ·den unsrigen hielt, in der falschen Fahrtrichtung stand. Er drehte sich um, aber da hatte sich unser Zug schon in Bewegung gesetzt und fuhr los – ohne unseren Vater, der noch dazu alle Zugbillets bei sich hatte. Unsere Mutter war in heller Aufregung, was sollte sie nur tun, alleine mit vier Kindern auf dem Weg nach Sibirien? Der Schaffner ließ auch nicht lange auf sich warten . Nachdem Mutter ihm unsere Lage geschildert hatte, meinte er nur, wenn wir keine Billets hätten, müssten wir an der nächsten Station aussteigen. Ein russisches Ehepaar, das mit uns im Abteil saß, meinte jedoch , wir sollten im Zug einfach sitzen bleiben , der Schaffner werde bei der nächsten Station ausgetauscht. Wenn wir jetzt ausstiegen, würden wir unseren Vater nie mehr wiederfinden. Und so geschah es. Wir blieben sitzen, warteten den nächsten Schaffner ab, der uns wiederum erzählte, dass wir bei der nächsten Station aussteigen müssten .

So gelangten wir schließlich bis zu unserem Zielbahnhof. Dort hatten wir bis zur Weiterfahrt mit einem nächsten Zug wieder ein paar Tage Aufenthalt. Wieder richteten wir uns notdürftig ein, und weil es schon spät war, legten wir uns schlafen. Morgens um fünf Uhr wurde ich durch Geräusche geweckt. Da stand Vater vor uns, er hatte uns gefunden und nahm uns tränenüberströmt in die Arme, er hätte mich bald erdrückt vor Freude, seine Familie wiedergefunden zu haben.

Wieder vereint fuhren wir an einem der nächsten Tage weiter bis nach Omsk, wo wir das Ende unserer Zugreise erreicht hatten. Von Omsk waren es ungefähr 30 Kilometer bis in das Dorf Marienfeld , das unsere neue Heimat werden sollte. Wir mussten die Strecke zu Fuß zurücklegen . Michael, der Jüngste, wurde getragen , aber ich, der Zweitjüngste, musste zu Fuß gehen. Ich erinnere mich noch, dass es ein herrlicher Tag war. Der Schnee war geschmolzen , auf den Feldern tummelten sich Heuschrecken, so viele wie ich noch nie gesehen hatte und eine größer als die andere. Mein Vater hielt uns dazu an, die Heuschrecken zu fangen und gemeinsam jagten wir ihnen hinterher. Immer wieder sah er eine, die ich unbedingt einfangen musste, und so habe ich die ganzen 30 Kilometer spielend, im wahrsten Sinne, zurückgelegt.

In unserer neuen Heimat

In Marienfeld , so sagte uns Vater, würden nur Deutsche leben. Doch als wir die ersten Bewohner dieses Dorfes reden hörten, da dachten wir, Vater habe uns angelogen. Wir verstanden kein Wort von dem, was diese Menschen hier sprachen, es war Plattdeutsch und die Menschen alles Menoniten. Nur wenn sie sich bemühten, hochdeutsch zu reden, konnten wir sie verstehen, sprachen sie jedoch untereinander, verstanden wir rein gar nichts .
Freunde haben wir dort auch später keine richtigen gefunden. Meine einzigen Freunde waren die Pferde, aber dazu komme ich später.

Wir bekamen ein Zimmer bei einer Familie Boger, Vater arbeitete in der Kolchose, in seiner Freizeit war er damit beschäftigt, auf einem uns zugeteilten Stück Land ein Haus zu bauen, das vor Einbruch des sibirischen Winters fertig sein musste. Wir Söhne arbeiteten natürlich mit, außerdem halfen uns viele Hilfsarbeiter. Das Haus war ein sogenanntes Wasenhaus . Man musste zuerst Rasen stechen, die Wasen aufeinanderstapeln und dann mit Lehm außen und innen verputzen. An den Zimmerdecken waren Schilfrohrmatten befestigt . Das Dach war mit Holz gedeckt. Holz zum Heizen hatten wir genug, Wald gab es soweit das Auge reichte, vor allem Birken.

Auf den Winter konnten wir in unser Haus mit zwei Zimmern einziehen. Einen Stall hatten wir auch, darin hielten wir eine Kuh.

So richteten wir uns in Sibirien langsam ein. Mein ältester Bruder Linus ging zur Schule, Emanuel, Michael und ich besuchten den Kindergarten. Im Winter war der Kindergarten jedoch geschlossen. Es war ja furchtbar kalt und alles eingeschneit, da ging man nur, wenn es unbedingt sein musste, vor die Tür. Unser Haus war jeden Morgen zugeschneit. Die Haustüre ging nach innen auf, wenn man sie am Morgen öffnete, stand man vor einem großen Schneeberg. Wir hatten oftmals, je nachdem aus welcher Richtung der Wind kam, eine richtige Schneeschanze vor unserer Haustüre, die war höher als das Haus. Zur Haustüre konnte man dann nicht hinaus, wir mussten über den Stall ins Freie. Aber auch das ging nicht so einfach . Um vor die Türe .zu kommen , musste man sich erst ein Loch freischaufeln und anschließend den Schnee vor dem Haus wegräumen . Das Haus wurde beheizt über einen Ofen, der wie ein heutiger Kachelofen funktionierte . Er wärmte unsere beiden Räume und auch den Stall.

Uns Kleinen war es in diesen langen Wintern ziemlich langweilig. Wenn wir ins Freie gingen, trugen wir dicke Filzstiefel, die den Schnee abwiesen, ins Wasser konnte man aber nicht damit. Einmal haben wir drei Ältesten beschlossen, ein Wettspiel zu machen , wer am weitesten barfuß im Schnee rennen konnte. Mutter schimpfte: “Seid ihr wahnsinnig, ihr friert euch doch die Füße ab!” Wir ließen uns jedoch nicht abhalten und rannten los. Einer schneller als der andere, nicht daran denkend, dass wir den ganzen Weg auch wieder zurück mussten. Das war schlimm. Wir sind gesprungen wie die Hasen und kamen jaulend ins Haus gerannt. Die Füße schmerzten fürchterlich. Mutter hatte das natürlich vorausgesehen und eine Schüssel mit Wasser bereitgestellt . Wir steckten unsere Füße hinein und jaulten gleich noch mal, weil das Wasser kalt war, wir wollten warmes. Aber Mutter blieb unerbittlich. Das müsse sein, erklärte sie uns, sonst würden die Füße nicht warm. Sie sollte recht behalten. Nach diesem Fußbad und innerhalb von nur wenigen Minuten war alles wieder in Ordnung, unsere Füße fingen sogar an, richtiggehend zu dampfen.

Meine besten Freunde ,die Pferde

Ich war gerade mal sechs Jahre alt, als ich anfing das Reiten für mich zu entdecken. Wenn die Männer der Kolchose mit ihren Pferden vom Feld kamen, standen wir Jungen schon da und warteten nur darauf, dass wir die Pferde, nachdem sie ihren Hafer bekommen hatten, auf die Weide reiten durften. Als Sechsjähriger konnte ich natürlich noch nicht alleine aufsteigen, deshalb setzte mich einer der Männer auf das Pferd. Sattel oder Zügel gab es nicht, die Pferde kannten den Weg zur Weide, ich musste mich bloß irgendwie auf dem Rücken des Tieres halten.

Weil ich angeblich noch viel zu klein zum Reiten war, hatte mein Vater gedroht: “Wehe, ich sehe dich auf einem Pferd!”. Mich konnte das jedoch nicht von meiner Leidenschaft abhalten, im Gegenteil. In vollem Galopp flog ich an unserem Haus vorbei, ich hing mehr in der Mähne, als dass ich auf dem Pferd saß, damit Vater mich nicht sehen konnte. Es blieb natürlich nicht aus, dass er mich eines Tages eben doch erwischte.

„Komm’ mal zu mir!”, sagte Vater, nachdem ich nichtsahnend ins Haus trat. 0 je, was mir dann blühte, wusste ich allerdings sehr schnell. Er zog seinen Gürtel von der Hose und versohlte mir damit gründlich den Hintern . Am nächsten Tag saß ich schon wieder auf dem Pferd. 
Vater drohte weiterhin, aber irgendwann hatte er eingesehen, dass es zwecklos war, mir das Reiten zu verbieten . “Der reitet wie ein Kasak”, hieß es immer, wenn ich auf einem Pferd saß. Natürlich bin ich auch öfter vom Pferd gefallen, aber das machte mir überhaupt nichts. Wie eine Katze stand ich wieder auf und schwang mich erneut auf das Pferd. Mit zehn Jahren bin ich schon von hinten auf das Pferd raufgesprungen. Und das alles, wie gesagt, ohne Sattel, Zaum und Zügel.

Zurück in der Heimat

Im Winter 1937 fuhr Vater alleine zurück nach Dobroje, er wollte schauen, ob die Tyrannen der GPU immer noch ihr Unwesen trieben oder ob sich die Zustände inzwischen gebessert hatten. Wieder nach Sibirien zurückgekehrt, erzählte er, dass es in der Heimat ruhig geworden sei, und dass alle nach uns gefragt hätten. Opa wiinsche sich nichts sehnlicher, als dass wir wieder zu ihnen kämen. Das war Balsam für unsere Seelen, denn in Sibirien fühlten wir uns immer noch nicht zu Hause. “Wollt ihr wieder zurück in die Heimat?”, fragte uns Vater. Die Antwort kam wie aus einem Munde : “Jaaaa!” Wieder packten wir nur das Nötigste zusammen, vieles gaben wir in Kisten verstaut auf und tatsächlich kam jede Kiste auch in Dobroje an, wenn auch teilweise erst nach einem halben Jahr. Was nicht zu transportieren war, blieb in Sibirien.

Zu Hause in Dobroje angekommen nannte man uns die „Sibiriaker”. Meine Brüder und ich waren in Sibirien ziemlich kräftige Kerle geworden. Ich kam in diesem Jahr 1937 in die Schule und fand dort genug Jungen, mit denen ich mich ordentlich prügeln konnte. Einmal beschwerte sich der Vater eines von mir verprügelten Jungen bei meinem Vater. Vater fragte nicht nach dem Grund, sondern gab mir gleich ein paar Hiebe. Er war sehr streng, Unartigkeiten duldete er nicht. Was ich von ihm Schläge bekommen habe!

Aber am nächsten Tag, die Schule war kaum aus, da rächte ich mich sofort. Der Junge musste dafür büßen, dass mich mein Vater verprügelt hatte. Er bekam seine Lektion, in dieser Hinsicht blieb ich keinem etwas schuldig und wenn es Vater hundertmal verboten hatte. Weil ich um dieses Verbot wusste, stellte ich künftig meinem Vater gegenüber die Sache so dar, dass er mir recht geben musste und dann immer meinte: „Du kannst dich wehren!”

In meiner Schulklasse war ich der Größte. Ich hatte vor keinem von ihnen Angst und vor denen in der Klasse über mir auch nicht. Bloß vor einem zwei Jahre älteren hatte ich Respekt – das war mein Bruder. Wir waren auch nicht so zimperlich wie die anderen. Die liefen im Winter in Pelze eingemummt herum, während wir nur eine dünne Windjacke trugen und uns über Kopfbedeckungen höchstens lustig machten . “Friert ihr nicht?”, fragten sie uns immer wieder. Wenn wir verneinten , meinten sie: “Ja, die Sibiriaker!”

Der Obstgarten von Krichow

Zur Schule mussten wir damals ungefähr zwei Kilometer weit gehen. Wir Kinder liefen immer oberhalb der Straße auf einem Feldweg entlang der Gärten. Auf dem Nachhauseweg war diese Strecke besonders reizvoll, weil wir uns da aus den Gärten immer holen konnten, was wir gerade fanden. Die Gartenbesitzer waren ja alle bei der Arbeit, so hatten wir freie Hand, uns zu bedienen. Es gab Melonen, Gurken, Tomaten, alles im Überfluss . Irgendetwas haben wir immer gefunden und gleich in den Mund gesteckt. Manchmal nahmen wir auch den unteren Weg durch die Akazienallee. Am Ende dieser Allee befand sich der herrliche Obstgarten des alten Krichow. Der vertrieb uns aber immer, wenn wir von seinen Kirschen , Aprikosen oder Pfirsichen stibitzen wollten. Da kam mir eine Idee. Meinen Kumpanen sagte ich, sie sollten vor dem Garten stehen bleiben, während ich in Richtung des Hauseinganges lief und mich dort dem Alten bemerkbar machte. “Dir helf’ ich”, schrie er immer, „dir helf’ ich!”. Mittlerweile waren aber meine Kumpel schon damit beschäftigt, ihre Hosentaschen mit Früchten voll zu stopfen bis nichts mehr reinging. Nachdem ich sicher war, dass sie nun genug beisammen hatten, zog ich ab zu den anderen und gemeinsam haben wir die Beute verzehrt.

Der Hund des Krichow

Der alte Krichow besaß einen Hund. Der hatte aber die lästige Angewohnheit , jedes Mal, wenn wir an dem Anwesen vorbeiliefen, kläffend auf uns zu zu rennen und einen von uns am Hosenbein zu fassen, so lange, bis die Hose zerrissen war, danach verdrückte er sich schnurstracks . Das wollte ich mir nicht länger mit anschauen . Also überlegte ich auch hier einen Plan. Meine Kumpel gingen voraus und ließen den Hund angreifen . Ich hatte mich währenddessen hinter der Grundstücksmauer versteckt, kam nun von hinten heran, packte den Köter am Schwanz und wirbelte ihn daran durch die Luft. Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte, war, dass es dem Hund schwindlig wurde, er fing nämlich plötzlich an zu kacken , aber wie . Ich war von oben bis unten verdreckt und so wütend, dass ich das Vieh mit voller Wucht gegen die Mauer schlug. Dann war er tot. “Jhr Dunderwetter!”, rief uns der Alte hinterher, “ihr habt meinen Hund getötet!” An Krichows Haus liefen wir von da an nicht mehr vorbei. Aber wir hatten nun endlich unsere Ruhe vor diesem Hund.

Kriegsspiele gegen das Oberdorf

Der Krieg muss damals schon in der Luft gelegen haben. Denn wir Jungen haben noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Schlachten geführt, die schon eine gewisse Ähnlichkeit hatten mit denen, die wir dann später im großen Ausmaß erleben mussten. An einem der Teiche in unserem Dorf war eine schöne Badestelle eingerichtet. Wir Kinder hielten uns dort den ganzen Sommer über auf. Nun gab es aber Streitigkeiten zwischen dem Unterdorf , zu dem ich gehörte, und dem Oberdorf. Die Badestelle befand sich im Unterdorf und damit auf unserem Territorium. Die Kinder des Oberdorfes ließen sich davon jedoch nicht beeindrucken , sie beanspruchten den Teich auch für sich. Das wiederum konnten wir Jungs vom Unterdorf nicht dulden, und so gerieten wir regelmäßig aneinander. Wir führten Krieg.

Wir Jungs vom Unterdorf, an der Spitze meine älteren Brüder Linus und Emanuel, hatten einen Panzer gebaut. Die Karosserie war aus Blech, angetrieben wurde das Gefährt mit Rädern, die über einen Pedalantrieb von demjenigen, der in dem Panzer saß, in Bewegung gebracht wurden . Vorne ragte ein Geschütz heraus, das mit Gummizug funktionierte. Als Geschosse nahmen wir Steine, die von kräftigen Jungs bis zu 20 Meter weit geschossen werden konnten.
Mit diesem Panzer gingen wir auf unsere “Feinde” vom Oberdorf los.

Fast jeden Samstag führten wir diesen Krieg. Als Schlachtfeld diente uns meist das Gelände um die Baumann-Ruine.
Hier befand sich früher der Gutshof-Baumann. Er war von den Kommunisten Liquidiert worden und stand nun leer.


(Auf dem Bild bin ich 14 Jahre alt)
Auf der Jagd nach Erdhasen

Eine weitere Beschäftigung in der Sommerzeit war die Jagd auf Erdhasen. Die Erdhasen haben die ganzen Weizenfelder ruiniert . Deshalb wurde eine Belohnung ausgesetzt für jedes Fell, das man ablieferte. Eine richtige Plage waren die Tiere dann, wenn die Jungen geboren waren .Wenn Vater mit uns ging, haben wir an guten Tagen bis zu 300 Stück gefangen. Vater zeigte uns, wie man das Fell abzieht ohne ein Messer zu gebrauchen. Für ein Fell bekamen wir 20 Kopeken , die größeren gaben bis zu 40 Kopeken . Das war für uns damals eine Menge Geld .

Unsere Jagdmethode war denkbar einfach . Wir kippten einfach Wasser in die Erdlöcher, solange bis die Tiere zum Luftholen an die Oberfläche kamen, dann schnappten wir sie uns. Das Wasser schöpften wir in Eimern aus dem Dorfbrunnen. Die Zehn-Liter-Eimer hingen an einem Tragegestell, mit dem wir die schwere Last besser tragen konnten .

Einmal stießen wir bei unserer Jagd auf ein Loch ganz in der Nähe des Dorfbrunnens . Es sah nicht aus wie das eines Erdhasen, aber man konnte erkennen, dass ein Tier darin war. Wir gossen einen Eimer Wasser hinein, aber da rührte sich nichts, dann noch einen und noch einen, schließlich hatten wir zwölf Eimer reingeschüttet und immer noch rührte sich nichts. Beim 13. Eimer kam das Tier wie der Blitz aus dem Loch geschossen, mein Bruder packte zu, schrie: “Ich hab’ ihn!” und setzte gleich hinterher, „aber er hat auch mich!” Das Tier hatte ihm so sehr in die Hand gebissen, dass er losließ und schon war es weg.
Unsere zwei Hunde setzten ihm sofort hinterher. Ging die Verfolgungsjagd den Berg runter, waren die Hunde dicht dran, aber den Berg hoch kamen sie nicht hinterher. Die Verfolgung zog sich hin, Berg runter, Berg rauf immer im Kreis. Die Hunde zeigten schon langsam Ermüdungserscheinungen , da trieben wir das Tier in die Enge, bis wir es eingefangen hatten . Es war ein Sandhase. Er hatte kurze Vorderläufe und vergleichsweise lange Hinterläufe . Deshalb überschlug er sich auch immer, wenn es bergabwärts ging. Wir haben das Fell abgezogen und dafür 80 Kopeken mit nach Hause genommen .

Die Lieblingstante Elisabeth

In regelmäßigen Abständen besuchten wir die Großeltern in Neukarlsruhe . Uns Jungs gefiel es dort nicht besonders, man verbot uns dies und jenes , sodass wir uns schließlich nur noch langweilten. In Neukarlsruhe lebte auch die zehn Jahre ältere Schwester meines Vaters, Elisabeth Schimpf. Und die hatte mindestens genauso viel Blödsinn im Kopf wie wir. Mit Tante Lisbeth gingen wir öfter an den Fluss Ingol, um Krebse zu fangen, weil die so gut schmeckten . Die Tante hatte ein großes Geschick, die Krebse zu packen und in den Eimer zu stecken.

Wir Jungs taten uns damit ein bisschen schwerer. Jedes Mal, wenn wir beherzt zugriffen, wurden wir von den Scheren gezwickt. Zu Hause ging es daran, die noch lebenden Krebse kaputtzumachen. Aber auch das war kein Problem für die Tante. Sie erhitzte Wasser in einem großen Topf und goss das kochende Wasser über die Krebse. Die machten nur noch .schi, schi”, dann war alles vorbei. Jetzt konnten sie von der Tante zu einem leckeren Mahl zubereitet werden. Es war immer ein Festessen, nicht viel, satt essen konnte man sich davon nicht, aber es schmeckte so wunderbar. Das Krebse-Essen war ein Grund, weswegen meine Brüder und ich immer gerne Tante Lisbeth besuchten. Sie lebte mit ihrer Tochter alleine, ihren Mann hatten die Kommunisten 1939 abgeholt. Er blieb verschwunden.

Ein Fels von Mann

In diesem Jahr kaufte Vater für 200 Rubel eine kleine strohgedeckte Hütte. Sie bestand aus einer Küche, einem Schlafzimmer der Eltern und einer Stube. Wir vier Jungs schliefen in der Stube alle zusammen in einem Bett. Die Älteren mit dem Kopf oben, wir Jüngeren in der anderen Richtung. Da ging es natürlich immer rund in der Nacht. 
Mal hatte der eine die Füße des anderen im Gesicht, dann wieder der andere. In diesem Häuschen haben wir überwintert. Im Jahr darauf, es war das Jahr 1938, beschloss Vater: “Jetzt wird angebaut” Er arbeitete als Nachtwächter . Er hatte zwar viele Angebote bekommen als Buchhalter oder Lehrer, nahm aber nichts davon an, weil er sehr cholerisch war. Mit seiner stattlichen Größe von 1,90 Metern und 130 Kilogramm Gewicht, war er ein Schrank von Mann, ein Mann wie ein Fels. Wenn er beispielsweise kniete, war er mit Mutters Cousin, Leonhard Schmid, auf einer Höhe. Wurde er wütend , und das war bei ihm als Choleriker öfter der Fall, dann war es für sein Gegenüber besser, das Weite zu suchen.

Vater hatte keine Hände, sondern Pratzen. Und wenn er mit denen zuschlug, dann blieb nicht viel übrig. Vater wäre jedoch sofort nach Sibirien verbannt worden , wenn er sich beispielsweise gegenüber einem Kommunisten nicht hätte beherrschen können. Einern Cousin von mir widerfuhr dieses Schicksal. Er wurde in der Nacht abgeholt, bloß weiler im Suff etwas gegen Stalin gesagt hatte. Weg war er. Seine Frau musste nun alleine versuchen, ihre vier Kinder zu ernähren . Man hat nie wieder etwas von ihm gehört. Um einer solchen Gefahr aus dem Wege zu gehen, beschloss Vater deshalb, sich in die Nachtarbeit zurückzuziehen . Er arbeitete als Nachtwächter in einem Pferdestall.

Auf der anderen Seite aber war mein Vater ein sehr musikalischer Mensch . Er machte leidenschaftlich gerne Musik. Am liebsten spielte er Klavier, aber auch Orgel, Geige, Akkordeon und die Balalaika beherrschte er ohne jemals den entsprechenden Unterricht darin bekommen zu haben . Auch den Kirchenchor leitete er an. Wir Kinder wussten die musikalische Ader unseres Vaters überhaupt nicht zu schätzen. Das Klavierspiel konnte ich ja noch einigermaßen ertragen, aber wenn Vater zur Geige griff und Beethoven anstimmte, suchte ich das Weite, das war nichts für meine Ohren.

Die Deutschen kommen

Im ersten Jahr in der Schule wurden wir Kinder in deutscher Sprache unterrichtet. Aber schon in der zweiten Klasse änderte sich das. Von da an durfte nicht mehr in deutsch unterrichtet werden, nur noch in russisch . Ich hatte Gott sei Dank wenigstens die deutschen Buchstaben gelernt. In der russischen Schule war ich vier Jahre, dann kam der Einmarsch der Deutschen im Jahr 1941.

Wir wussten schon, dass sie im Anmarsch waren und erwarteten sie an einem Tag im Juli 1941 neugierig vor dem Haus. In der ungefähr zwei Kilometer langen Akazienallee unseres Dorfes hatten sich die russischen Soldaten versteckt. Sie suchten dort Deckung vor den deutschen Fliegerangriffen. Ein erstes Flugzeug hatte eine Runde über unserem Dorf gedreht und zog ab. Kaum war das deutsche Flugzeug weg, kamen die russischen Flieger und verfolgten den Deutschen. Sie haben ihn vermutlich nicht erreicht, denn wenige Stunden später kamen zwei deutsche Bomber und schossen mit Geheule auf einen Hügel, wir nannten ihn später den Kanonenhügel, in der Nähe unseres Dorfes. Da wussten wir erst, was sich dort oben verbarg. Der Hügel war gespickt mit russischen Kanonen. Oie haben die Deutschen nun ausgehoben, dass nur so die Fetzen flogen. Sie waren noch nicht weg, da kamen auch schon russische Flieger und wir wurden Zeugen eines Gefechts am Himmel. Die russischen Maschinen gingen in Flammen auf, worauf die Deutschen abzogen.

Am nächsten Tag hörten wir ein merkwürdiges Rauschen, wir ahnten nichts Gutes und suchten Schutz in einem Bunker. Vater war nicht mitgegangen, er sah, dass ein gewaltiger Zug von deutschen Panzern hinter unseren Weinbergen vorbeizog und sich auf unser Dorf zu bewegte. Vater blieb an der Straße, sah ein Motorrad herfahren und grüßte den deutschen Soldaten mit “Heil Hitler!” Mein Vater wusste von dem Geschehen in Deutschland, und dass man sich dort mit “Heil Hitler” grüßte. Wir hatten davon keine Ahnung. Der Gegrüßte war verduzt, aus einem weiteren Fahrzeug sprang ein Offizier heraus und fragte, ob hier Deutsche lebten. Nachdem mein Vater bejahte, meinte er, sie hätten sich das schon fast gedacht, die Mauern seien hier so schön weiß. Deshalb seien sie hier reingefahren. Die Fahrzeuge kehrten um und verschwanden .

Nach ungefähr fünf Stunden klopfte es an unserer Bunkertür. Ein Cousin, Johann Mustermann, der sich von der russischen Armee abgesetzt hatte und nun bei seinem Onkel Unterschlupf suchte, stand draußen und meinte, die ganze Gegend werde von deutschen Panzern überrollt, nur unser Dorf hätten sie links liegen lassen . Sie seien jetzt weitergefahren in Richtung Nikolajew und Odessa.

Wir gingen wieder zurück in unser Haus und legten uns schlafen. Gegen Mitternacht waren wieder laute Geräusche zu hören, es rappelte und tat Schläge. Was das sein sollte, konnten wir uns nicht erklären . Erst am Morgen haben wir gesehen, was in der Nacht losgewesen sein musste. Unsere Allee war vollkommen menschenleer. Die russischen Soldaten, die sich darin versteckt hatten, waren verschwunden. Ohne einen Schuss wurde unser Dorf aufgegeben . Die Soldaten waren abgehauen Richtung Nikolajew, sie flohen in ihr Verderben. Die Deutschen hatten sie dort bereits erwartet. Am nächsten Tag war unsere Mutter gerade dabei, sogenannte „Schneeballen “, das ist eine Art Fasnetsküchle , zum Mittagessen zu backen. Weil wir Jungs Weltmeister im Essen waren, hatte sie eine große, bis oben hin gefüllte Schüssel gemacht. Sie war noch nicht fertig, da kam wieder Bewegung in unser Dorf. Zwei deutsche Motorräder fuhren vor, hinter ihnen in Achterreihen kamen die russischen Soldaten, die sich in unserer Allee versteckt hatten und die in der Nacht abgezogen waren. Und Mutter, wie sie nun mal war, verteilte alle die guten .Schneeballen·in die Menge der russischen Soldaten. Plötzlich kam ein deutscher Soldat und schrie meine Mutter an, sie solle das gefälligst unterlassen. Da baute sich mein Vater vor ihm auf und meinte: “Hören Sie, guter Mann. Was wir machen, das geht Sie nichts an. Wir mussten lange genug machen, was andere sagten, wir haben so lange gewartet, bis wir frei werden und da kommen Sie dahergelaufen und wollen uns schon wieder etwas verbieten!” Der Soldat erkannte den Ernst der Situation und fuhr davon. Mein Vater hätte nicht lange mit ihm gefackelt. Nur eine auf ihn gerichtete Pistole hätte ihn davon abhalten können, diesen Kerl zusammenzuschlagen .

Unser Dorf war geteilt durch drei Teiche. An diesen Teichen ließen die deutschen Soldaten ihre russischen Gefangenen trinken. Die meisten von ihnen wurden verhört und später dann entlassen. Bis auf die Juden, die haben sie alle hinter unserem Dorf erschossen. In Dobroje lebten auf der einen Seite die Deutschen, auf der anderen Juden. Die Juden waren, nachdem sie vom Anmarsch der Deutschen erfuhren, geflüchtet, kamen aber nicht weit und wurden von den Deutschen in einem Stall der Kolchose zusammengepfercht, Frauen, Kinder, Männer, alle. Von ihnen hat niemand überlebt.

Einzug ins großelterliche Haus

Einen Monat nach dem Einzug der Deutschen bekamen wir die Genehmigung, in das elterliche Haus meines Vaters in Dobroje einzuziehen. Das Haus war meinem Großvater, zusammen mit dem ganzen Grundbesitz, von den Kommunisten weggenommen worden. Bis zur Besetzung durch die Deutschen hatten Juden darin gewohnt. Nachdem die nun geflohen waren, stand das Haus leer. Vor unserem Einzug wollte Vater jedoch alle Wände abkratzen und neu verputzen .

Damit fingen wir 1942 an. Wir Buben klopften den Putz ab, damit Vater nach seiner Arbeit die Wände neu verputzen konnte. Er machte alles selber. Sogar Verzierungen an der Stelle, wo die Lampe hing, brachte er fertig. Einmal schaute ich ihm dabei zu, wie er so diesen Kranz machte, indem er immer wieder einen Kreis nachfuhr, von der Leiter stieg, schaute, ob es so stimmte, dann gefiel ihm etwas nicht, also stieg er wieder hoch, fuhr noch einmal den Kreis nach und mit einem Mal krachte sein ganzes Werk auf den Boden . Mich amüsierte das ungemein und ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen . Das verging mir aber ganz schnell wieder. Ich konnte gar nicht so schnell schauen, wie ich eine Ohrfeige verpasst bekam.

Das Haus war ziemlich groß, es hatte acht Zimmer, Küche und Sommerküche. Da dauerte es natürlich, bis wir ganz fertig waren. Irgendwann hatten wir es endlich geschafft. Die Wände waren abgekratzt und neu verputzt, ein neuer Ofen war installiert und unsere Sachen alle untergebracht. Es war herrlich, in einem solch großen Haus zu wohnen . Wir genossen diesen ungewohnten Komfort und ein vergleichsweise sorgenfreies Leben .

Tante Lisbeths Geburtstagsgratulation

In dieser Zeit wohnte Tante Lisbeth bei uns. An Vaters Geburtstag wecke sie uns Buben am frühen Morgen, damit wir dem Vater zum Geburtstag gratulierten . Wir zogen uns an, aber dann stellte sich uns die Frage, was wir ihm denn schenken könnten. Tante Lisbeth wusste, dass ich immer eine Rattenfalle im Kuhstall aufgestellt hatte und meinte, das wäre doch ein Geschenk . Wir gingen in den Stall, fanden die Falle und sogar eine Ratte darin. Die Tante sagte, ich solle beides mitnehmen. So gingen wir ins Schlafzimmer der Eltern.

Die Tante meinte, ich solle die Falle samt Ratte gleich am oberen Bettpfosten einhängen. Dann stimmten wir unser Geburtstagsständchen an. Mein Vater wachte auf, schob sich, groß wie er war, im Bett hoch, berührte mit dem Kopf etwas Merkwürdiges, drehte sich um – und erschrak fürchterlich. Da war natürlich der Teufel los. Vater wusste natürlich sofort, dass dieser Unfug auf dem Mist seiner Schwester gewachsen war und beschimpfte sie mit reichlich unschönen Ausdrücken . Der Geburtstag drohte schon in einem Fiasko zu enden. Aber dann hat er sich doch wieder beruhigt und schließlich sogar auch darüber gelacht. Unsere Tante war eine schöne Bereicherung für uns Buben. Sie war so unternehmungslustig und hat wirklich jeden Blödsinn mit uns gemacht.

Auf dem Weg nach Polen

Ungefähr ein Jahr wohnten wir in diesem wunderbaren Haus, da standen im Jahr 1943 die Kommunisten an der Tür und meinten, wir hätten innerhalb von wenigen Stunden das Haus zu räumen . Die Russen waren auf dem Vormarsch, für uns bedeutete das, dass wir Deutsche alle evakuiert wurden und nach Polen mussten.
Es hieß einen Wagen zu packen, das Nötigste zusammenzusuchen und die Heimat zu verlassen. Wir schlachteten Hühner und Schweine, eine Kuh ließen wir stehen, die andere banden wir hinten an unser Fuhrwerk. Wir hatten sehr viele Hühner und Tauben. Nur einen Teil davon konnten wir schlachten und mitnehmen . Der Rest, es waren bestimmt 40 bis 50 Hühner und Tauben, mussten wir zurücklassen. Wir haben ihnen im Stall rund eine Tonne Futter umgekippt, davon konnten sie dann fressen so viel sie wollten. Und damit sie nicht verdursteten, haben wir den benachbarten Teich mit Wasser aufgefüllt.

Dann fuhren wir los Richtung Polen. Das ganze Dorf, alles, was deutsch war, musste gehen. Der älteste Bruder, Linus, war noch im Dienst bei der Schutzpolizei, Emanuel war mit der Dorfschwester unterwegs . Also machten wir uns nur zu viert auf den Weg. Vater,Mutter mein kleiner Bruder Michael und ich. Das war am 27. Oktober 1943. Vater hatte noch nie ein Fuhrwerk gefahren, wusste aber, dass ich mit den Pferden so gut wie verwandt war. Deshalb wurde mir die Aufgabe des Fahrens zugeteilt. Ich war gerade 14 Jahre alt und auf der gesamten Strecke der Kutscher unseres Fuhrwerks. Wir fuhren Richtung Womowitza. Unterwegs, es war mitten in der Nacht, kam mein Bruder Emanuel dahergeritten. Er hatte die Dorfschwester auf den Zug gebracht, das Pferd genommen und war losgeritten . Nur zwei Tage später kam ein Fuhrwerk mit zwei Pferden herangefahren, das war Linus, der Älteste, noch in seiner Uniform der Bahnpolizei. Er war Hauptmeister, das heißt, er hatte die ganze Polizei unter sich gehabt. Wir haben schnell von unserem Gepäck auf sein Fuhrwerk umgeladen . Dann fuhren Linus, Emanuel und Michael mit dem einen Wagen und ich mit den Eltern mit dem zweiten.

Einmal kam ein Mann vom Dorf zu uns geritten und sagte zu meinem Vater, dass seine Schwester mit ihrer Tochter in einem zurückliegenden Dorf im Dreck stecke und nicht mehr weiterkomme. Vater überlegte nicht lange. “Johannes, auf, komm, zieh’ Gummistiefel an, wir reiten dahin.” Wir fanden sie, tatsächlich mitten im Dreck steckend, mit Gummistiefeln konnte man schon nicht mehr zu ihnen vordringen. Die Tante war völlig aufgelöst. “Oh Johannesle, meinst du, du schaffst es, mich da raus zu holen?” Ich tröstete sie, schaute mir ihre Pferde an, es waren zwei wunderbare Pferde, und dachte, das müsste doch der eine von denen alleine ziehen können.
Ich beruhigte die Tiere, stieg auf, zog die Zügel an, hielt die Peitsche hoch, schrie ganz laut: “Hüh!” und die Pferde zogen, was sie konnten, bis wir aus dem Schlamm raus waren. Dann gab es für mich kein Halten mehr. Bis zu der Stelle, wo wir unser Fuhrwerk abgestellt hatten, fuhr ich ohne anzuhalten durch, spät in der Nacht kamen wir erst an.

Am nächsten Morgen ging Vater auf den Bahnhof und brachte die Tante und Cousine auf einen Zug in Richtung Polen . Sie brauchten nun nicht mehr im Dreck herumzufahren . Unsere Pferde waren teilweise schon überlastet, da kam es uns gerade recht, dass die Tante ihr Fuhrwerk samt Pferden zurück.ließ. Wir spannten ihre Pferde bei uns ein. Es waren Prachtstiere, an denen ich meine helle Freude hatte. Meika hieß eines, ein wunderbares Pferd. Die hat mich sogar einmal gebissen . Sie hatte die Marotte, dass man sie nicht streicheln durfte. Im nüchternen Zustand wusste ich das auch und hielt mich daran. Einmal jedoch hatte ich zu viel selbstgebrannten Schnaps getrunken, ging in diesem Zustand in den Stall, wollte Meika an meiner guten Laune teilhaben lassen und streichelte ihr über den Rücken. So schnell wie die mich hinten am Hemdkragen gepackt und in eine Ecke geschleudert hatte, konnte ich gar nicht schauen. Jedenfalls fiel mir dann wieder ein, dass sie Berührungen nicht mochte .

Wir zogen weiter bis zur Grenze nach Rumänien und über die Karpaten. Irgendwo in Rumänien ging uns das Futter aus. Wir fragten Bauern, ob wir etwas von ihrem Viehfutter haben könnten, aber die wollten uns nichts geben. Sie jagten uns wie räudige Hunde vom Hof. Wir brauchten aber dringend Futter für unsere Tiere, sonst wären wir nicht mehr weitergekommen . Mein Bruder Linus und ein Cousin haben deshalb ihre Polizei-Uniform angezogen, ihre Waffen an sich genommen und erneut bei den Bauern vorgesprochen. Sie wollten nur ein wenig Hafer für die Pferde, sagte mein Bruder, doch wäre diese Erklärung gar nicht nötig gewesen. Die Bauern hatten es beim Anblick der beiden Uniformierten mit der Angst zu tun bekommen , alles stehen und liegen gelassen und das Weite gesucht. Wir holten uns das, was wir für unsere Tiere benötigten , und zogen dann weiter.

Ein Zwischenfall hätte uns fast Kopf und Kragen gekostet. Es war auf einer abschüssigen Strecke. Die Pferde konnten das Gewicht des Fuhrwerks nicht halten, weswegen ich eine Schleife unter das Hinterrad gelegt hatte. Wir waren ungefähr auf halber Höhe, da roch ich irgendetwas Brenzliges . Ich schaute mich um, sah aber nichts . Mutter schimpfte, ich solle nicht in der Gegend rumschauen , sondern auf die Straße. Sie roch nichts. Nach einer Weile traute ich dem Frieden aber doch nicht mehr und stieg ab. Da sah ich, dass das Hinterrad kurz davor stand, in Flammen aufzugehen . Das Eisen der Schleife hatte sich so stark erhitzt, dass das Rad bereits in Mitleidenschaft gezogen war. Zum Glück hatte ich es noch rechtzeitig bemerkt. Die restliche Strecke bergabwärts musste ich nun alle 200 bis 300 Meter anhalten und die Schleife wieder ein wenig verschieben. Vater kümmerte sich während der ganzen Fahrt nicht um solche Belange. Er meinte immer nur : “Der Hans macht das schon!”

Ein schicksalsschweres Lied

Es gibt ein Lied, das in dieser Zeit auf unserer Flucht entstanden ist und das ich seither nicht mehr vergessen habe. Seine Entstehungs­ geschichte spiegelt einen Eindruck von der Tragik wieder, in der wir uns damals befanden. Mit uns im Flüchtlings-Treck befand sich ein gewisser Herr Schlosser. Seine Frau und die Kinder hatte er auf den Zug gebracht. Ihm widerfuhr dasselbe Schicksal wie meiner Tante, er blieb irgendwann mit seinem Fuhrwerk stecken und auch ihn haben wir wieder herausgezogen. Allerdings haben wir sein Fehlen nicht gleich bemerkt, sodass Herr Schlosser eine Nacht lang vollkommen auf sich alleine gestellt, irgendwo in den Wäldern Polens und umgeben von hungrigen Wölfen ums nackte überleben von sich, seinen Pferden und ein paar Enten kämpfen musste. In diesen schweren Stunden dichtete er den Text für ein 12-strophiges Lied . Dieses Lied hat er später aufgeschrieben , und wir haben es, wann immer sich die Gelegenheit ergab und ein paar von unserem Dorf zusammengekommen waren, zur Melodie von .Argoner Wald” gesungen. Dieses Lied rührt mich heute noch zu Tränen, ich kann es nicht singen, ohne von tiefer Wehmut ergriffen zu werden.
Die ersten zehn Strophen habe ich noch zusammengebracht, sie sollen hier abgedruckt werden.

Reise aus der Ukraine

Es war einmal um Mitternacht
Bin ich im Wald vom Schlaf erwacht
Ich mach die Augen auf und schau
Den rutsch’gen Berg an Berg hinauf

Kameraden , was soll ich jetzt sagen , 
mir ist so schwer zum Denken,
denn ich bin im Wald allein
mit Pferden und mit Enten mein.

Die Uhren gehen schon nach die Zwölf,
es sind auch zu hören die Stimmen der Wölf,
ich tu mich sehr bestreben,
meine Lieben anzutreffen im Leben.

Am anderen Morgen um halb acht, 
da wird der Wagen schon gepackt, 
die Peitschen fingen an zu pfutschen ,
die Pferde gehen nicht, sie rutschen.

Himmel , Kreuz und Sakrament,
nimmt denn das Elend bald ein End .
Ich tu mich sehr bestreben,
meine Lieben anzutreffen im Leben.

Nach einem Stoß, da ging es los.
Nach einem bald da ruft es kalt.
mit lauter Stimm ruf ich was willst
hier sieht vor dir der Leonhard Schmidt.

Nach einem Stoß gings wieder los,
Kamerad ich bin selig
Gedanken und Sinn sind selig
Hier sieht der Peter Fröhlich.

Schaut, was er für einen komischen Wagen hat,
man sieht bei ihm kein Wagenrad,
der Wagen wird gehoben
und nach vorne weggehoben.

Der Mann vor Freud weiß nicht was, 
der Frau der werden die Augen nass,
ein stilles Weinen, die Tränen fließen ,
ach Herr und Gott, was müssen wir büßen.

Das ist die Nacht wohl auf dem Weg,
die sich von Warnowica dreht
zwölf Kilometer auf der Streck 
stak ich und mehrere im Dreck.

Zwischenstation in Borschiwka

Unsere Reise endete vorläufig in dem russischen Dorf Borschiwka an der polnischen Grenze. Dort bekamen wir ein Haus zugeteilt, das von einer alten Frau bewohnt war. Sie ging, nachdem wir bei ihr eingezogen waren, zum Schlafen immer zu ihrer Tochter, die in einem benachbarten Dorf lebte. Wir haben uns mit dieser Frau sehr gut angefreundet und auch mit den anderen Dorfbewohnern. Ich besuchte die Frau öfter mit dem Fahrrad bei ihrer Tochter. Sie hatte selbstgebrannten Rübenschnaps, den sie mir immer wieder nachschenkte . Von einem dieser Besuche fuhr ich einmal in volltrunkenem Zustand in vollem Karacho über ein furchtbar schmales Brücklein, das ich im nüchternen Zustand immer nur mit dem Fahrrad über der Schulter passiert hatte. Ich kann mir heute noch nicht erklären, wie ich es geschafft habe, mit dem Fahrrad darüber zu rauschen .

Anfang 1944 wurden Vater, Mutter mein jüngerer Bruder Michael und ich mit Sack und Pack in einen Zug verladen. Die beiden älteren Brüder blieben wegen den Pferden zurück . Die Reise ging nach Polen, in die Stadt Kutno bei Warschau . Wir kamen dort in ein Lager. Es hieß, wir sollten einem deutschen Bauern bei der Feldarbeit helfen. Tatsächlich ließ sich unser Leben in dem Lager sehr vergnüglich an . Wir hatten immer genug Bier, Vater spielte Klavier und wir fingen an, uns fast schon wohl zu fühlen. Diese Zeit verging jedoch viel zu schnell.

Wir werden Soldaten der deutschen Wehrmacht

Nach nur zwei Wochen wurden wir zu einem Bauern nach Milosne gebracht, wo wir ein kleines Häuschen mit zwei Zimmern und einer Küche zugeteilt bekamen. Im Mai kamen Linus und Emanuel mit den Pferden zu uns. Sie wurden jedoch nur kurze Zeit später als Soldaten bei der deutschen Wehrmacht eingezogen und machten in der Tschechoslowakei eine Ausbildung bei der Waffen-SS . Ich machte in dieser Zeit meinen Schulabschluss und meldete mich anschließend zu einem Reiterlehrgang bei der Hitlerjugend . Daran schloss sich eine weitere Reiterausbildung , dieses Mal bei der SA an. Unsere Aufgabe war es jedoch , sieben Meter tiefe Schanzen auszugraben , damit sollten die russischen Panzer aufgehalten werden. Jeden Tag schafften wir ungefähr 200 Meter.Eines Tages fragten uns die Ausbilder, ob wir uns freiwillig zu einer Spezial-Ausbildung melden würden . Ich überlegte nicht lange und meldete mich dazu an. Wir bekamen noch zwei Wochen Urlaub, dann hieß es den Eltern Lebewohl zu sagen. Den Abschied von Vater werde ich wohl nie vergessen können.

Er brachte mich auf den Zug. Ich hatte ihn bisher nur selten weinen gesehen, aber in diesem Moment des Abschiedes flossen ihm die Tränen. Er muss etwas geahnt haben. Vielleicht spürte er intuitiv, dass es ein Abschied für immer war.

In dem Ausbildungslager bekamen wir eine Spezialausbildung im Catchen, Boxen und Judo. Wie wir erst später erfuhren, wollte man uns in diesem Ausbildungslager bei Hohensalza in Polen zur Standarte Hitlers ausbilden. Ich muss vielleicht an dieser Stelle ein paar erklärende Worte über unser Verhältnis zu Hitler anführen. Wir Jungen wussten von dem, was in Deutschland geschah, so gut wie nichts . Das Wort Konzentrationslager habe ich damals nicht einmal gehört. Für uns galt Hitler als derjenige, der den so verhassten Kommunismus vernichten könnte. Uns hätte nichts Besseres passieren können. Wir sahen in Hitler den Erlöser und haben ihn verehrt wie einen König. Im Dezember 1944, kurz vor Weihnachten, hatte ich Urlaub, ich verbrachte ihn in Milosne. Aber dort hatte ich nur die Mutter und den jüngeren Bruder Michael angetroffen . Vater ist drei Monate zuvor zum Militärdienst eingezogen worden .

Ein trauriges Ende

Alle wehrtüchtigen Männer hatten den Befehl bekommen , sich in Stettin zu melden. Vater ging hin, es wurden viele Namen aufgerufen, nur der unseres Vaters stand nicht auf der Liste. Dafür stand der Name Jakob Mustermann, der jedoch nicht anwesend war. Jakob Mustermann war Ortsvorsteher von Milosne. Er hatte einfach an seiner Stelle meinen Vater dahin geschickt. Vater musste bleiben, auch nachdem man den Irrtum festgestellt hatte.

Im Jahr 1946 kam eine Nachricht von einem Herrn Mustermann, der aus Karlsruhe stammte, dass unser Vater in Swerdlowsk im Gefängnis sei. Er hatte die Adresse des Gefängnisses, sodass wir gleich einen Brief dorthin schreiben konnten . Vater antwortete, er sei noch im Gefängnis, aber sehr krank, er hoffe aber, dass er bald entlassen werde. Im Dezember 1946 kam ein weiterer Brief , dass er entlassen werde und versuche, zu uns zu kommen. Er kam aus dem Gefängnis bis zum Bahnhof in Swerdlowsk, wurde dort beraubt, konnte aber nicht mehr weiter, weil er viel zu schwach war. Der Mustermann holte ihn ab und brachte ihn sofort in das Krankenhaus in Swerdlowsk . Dort starb er am 18. Februar 1947, ohne seine Familie vorher noch einmal gesehen zu haben. Er war in seinem 52. Lebensjahr.

Ein Leben im Verborgenen

Während meines Weihnachtsurlaubes im Jahr 1944 hörte man schon die russischen Kanonen. Der Russe sei über die Weichsel, hieß es. Sie mussten bei Warschau gestanden haben . Es wurde gemunkelt, dass die Deutschen auf dem Rückmarsch seien. Mutter fürchtete sich zunehmend, jetzt, nachdem Vater bei der Wehrmacht war, und ich wieder zurück in mein Ausbildungslager musste, wäre sie mit Michael vollkommen alleine dagestanden . Ich fuhr deshalb mit Mutter nach Kutno, um dort bei der Hitler-Jugendstelle anzufragen, ob ich nicht bei Mutter zu Hause bleiben könnte. Der Oberscharführer maulte uns nur an, das käme gar nicht in Frage, ich hätte mich am 2. Januar bei meiner Dienststelle zu melden. Nicht einmal Mutters flehentliche Bitte konnte ihn davon abbringen. Ich hätte pünktlich auf die Minute an meiner Dienststelle zu erscheinen , brüllte er uns an. Ich nahm Mutter bei der Hand, wir verabschiedeten uns und gingen nach Hause. Ich hatte inzwischen meinen Entschluss gefasst. “Mutter, mach’ dir keine Sorgen, wir bleiben zusammen!” Ich dachte nicht daran, wieder ins Ausbildungslager zurückzugehen . Ab dem 2. Januar versteckte ich mich tagsüber im Wald, abends war ich bei meiner Freundin Hilde Janke, die Tochter des Bauern, bei dem wir gewohnt hatten. Mit Hilde verbrachte ich jede Nacht. 
Wäre jemand gekommen und hätte Mutter nach mir gefragt, sie hätte gesagt, dass sie nicht wisse, wo ich sei. 
Weil aber alle im Dorf wussten, dass ich mit Hilde befreundet war, hielten wir uns nicht in ihrem Elternhaus auf, sondern versteckten uns in der Sommerküche ihres Anwesens.

Wieder auf der Flucht

Mitte Januar hieß es, dass alle deutschen Flüchtlinge ab nach Deutschland müssten. Alle anderen Deutschen packten ihr Zeug und fuhren los, wir aber hatten kein Fuhrwerk und konnten den anderen nur hinterherschauen. Da fiel mir das Gut Blodje ein. Ich schaute nach, ob da nicht Pferde und Wagen zu haben waren und bekam beides. Die beiden Pferde, zwei schöne belgische Schlepper, spannte ich ein und fuhr ab nach Hause. Wir luden unsere Habseligkeiten auf und ich fuhr in einem Affentempo los, wenn nicht auf der Straße, dann daneben, solange bis ich die anderen aus unserem Dorf eingeholt hatte. 
Wir kamen bis nach Konin. Da bemerkte ich eines Morgens, mein kleiner Bruder schlief noch, dass Mutter nicht bei uns war. Ich weckte Michael, ob er wisse, wo sie sei, er sagte, sie sei in der vergangenen Nacht, als wir so lange stehen mussten, weggegangen . Wir fanden sie nicht. Unser Treck fuhr weiter, ich drosselte unser Tempo und fuhr langsam, immer in der Reihe. Mutter kam nicht. Wir erreichten Posen, die Brücken waren alle gesprengt, wir konnten nicht mehr weiter und übernachteten deshalb vor Ort.

Am nächsten Morgen hatten uns die Russen schon eingeholt, sie waren bereits dabei, eine Brücke zu bauen. Uns blieb nichts anderes übrig, als umzukehren. Wir kamen nicht weit, da kamen russische Soldaten und beschlagnahmten unsere Pferde und Wagen mit allem,was wir bei uns hatten. Da standen wir nun mit leeren Händen. Mein Bruder und ich, ohne die Mutter. Wir marschierten los und kamen bis kurz vor Konin. Dort fingen uns die Russen ein. Meinen Bruder ließen sie laufen, mich kassierten sie. Ich wurde zu einem Verhör gebracht, bei einem Juden, ich hörte das gleich am Akzent. Sie durchsuchten mich und fanden in meinem Hemd den vorläufigen Aufnahmebescheid zur deutschen Waffen-SS. Alles andere hatte ich verbrannt, nur dieses Stück Papier trug ich bei mir. Das reichte ihnen, mein Name stand schließlich drauf. Dann ging es los. Einer drohte mir, er erschieße mich gleich, besann sich dann aber doch, ließ Gnade walten und meinte, dass er mich vorläufig einsperren wolle. Wir gingen die Treppe runter, der Soldat war kleiner als ich, und er lachte immer. Er führte mich in einen Keller, der hinten ins Freie führte. Da sagte er zu mir auf Russisch: “Lauf!” Ich verstand das natürlich, dachte aber, wenn ich jetzt laufe, dann erschießt er mich von hinten und es heißt “auf der Flucht erschossen”. Ich hatte natürlich Angst. Ich lief rückwärts und schaute ihm stets in die Augen. Wenn er sein Gewehr anhebt, reiße ich es ihm aus der Hand und schlag es ihm über den Schädel, dachte ich mir. Ich riskierte jetzt alles. Immer rückwärts gehend in Richtung der Türe, machte ich, nachdem wir unter dem Türrahmen angekommen waren, einen Sprung zur Seite an die Hauswand. Der Soldat streckte den Kopf raus, lachte wieder und sagte “Lauf, Kamerad lauf!’ Er ging wieder rein und ich rannte los wie ein Pfeil. Ab in den Wald, der ungefähr 150 Meter entfernt war. Erst da konnte ich langsam begreifen, was geschehen war. Der russische Soldat hatte mir das Leben gerettet.

Im Wald überlegte ich mir, dass mein Bruder, unselbständig wie er war, bestimmt noch vor dem Haus, in dem man mich verhörte, auf mich wartete. Tatsächlich fand ich ihn genau dort. Unsere Freude, den Bruder wieder gefunden zu haben, war unbeschreiblich .

Wir machten uns nun auf den Weg, heimwärts Richtung Milosne. Wir hatten gerade das Dorf hinter uns gelassen, da fuhr ein russischer LKW an uns vorbei. Frech, wie ich war, hob ich einfach die Hand und gab zu verstehen, dass sie anhalten sollen. Der Lastwagen hielt tatsächlich an. Die Soldaten waren auf dem Weg nach Warschau und hatten nichts dagegen, uns mitzunehmen. Der Fahrer lachte und meinte, die Fahrerkabine sei mit drei Mann leider voll besetzt. Ich zog eine Taschenuhr von meinem Vater heraus, die gab ich ihm, damit er uns auf der Ladefläche mitnahm bis nach Kroschniwice, was ungefähr drei Kilometer von Milosne entfernt war.

Die Soldaten holten aus dem Führerhaus zwei Decken, in die wir uns einwickelten, dann setzten wir uns auf die Pritsche und los ging die Fahrt. Mein Bruder und ich haben so gefroren, dass wir mit Zittern gar nicht mehr hinterherkamen. Drei Stunden ging die Fahrt, dann hatten wir es überstanden. Mit steifen Gliedern kletterten wir von dem Lastwagen herunter. Den Weg bis nach Milosne setzten wir zu Fuß fort, glücklich, dass wir bald daheim sein würden . Wir gingen in das Häuschen, in dem wir gewohnt hatten, aber natürlich war unsere Wohnung bereits von polnischen Bewohnern besetzt. Ich besann mich auf einen ehemaligen polnischen Freund, mit dem ich bisher ein gutes Verhältnis hatte und dem ich immer wieder Tabak und Speck gebracht hatte. Den wollte ich fragen, ob er uns aufnehme. Aber genau das Gegenteil musste ich erfahren. Mit einer Mistgabel ging er auf mich los und hätte mich, wenn er es gekonnt hätte, damit erstochen.

Es war schon gegen Abend und wir hatten keine Ahnung, was wir jetzt machen sollten. Es blieb uns noch eine Kusine, Lina Musterfrau, die ungefähr einen Kilometer entfernt wohnte. Lina und ihr Sohn waren Gott sei Dank zu Hause und nahmen uns beide auf. Während wir dort lebten, kamen immer wieder russische Soldaten zu uns und verhörten mich. Diese Besuche wurden zur Belastung für die Kusine, so beschloss ich, zu einem Onkel, Leonhard Mustermann, zu gehen. Der wohnte ungefähr sieben Kilometer entfernt und nahm uns auf . Wir hatten dort auch ein gutes Versteck für den Fall, dass die Russen kämen .

Wo unsere Mutter abgeblieben war, wussten wir bis dahin immer noch nicht. Ich ging deshalb jede Woche einmal zu meiner Kusine Lina zurück, um mich zu erkundigen, ob Mutter in der Zwischenzeit aufgetaucht sei. Beim ersten Mal wusste man nichts von ihr. Aber schon bei meinem zweiten Besuch war Mutter bei Lina. Da hatten wir endlich unsere Mutter wieder.Alle Deutschen wurden nun in einem Schulhaus zusammen untergebracht. Wir hatten Glück, dass das Reichsarbeitsdienstlager (RAD) in der Nähe war. Da standen russische Nachschub-Einheiten. Jeden Abend kamen zwei ältere russische Soldaten, sie saßen den ganzen Abend bis nach Mitternacht an unserer Tür und hielten Wache, denn wir lebten gefährlich . Einmal waren polnische Soldaten gekommen, die uns überfallen wollten . Als sie die russischen Soldaten sahen, haben sie schnell Reißaus genommen.

Und dann im Februar 1945 wurden alle Russlanddeutschen gesammelt nach Warschau in ein großes Lager transportiert . Die Verpflegung dort war nicht schlecht, es ging uns einigermaßen gut. Eines Tages jedoch fuhren Waggons vor, in die wir einsteigen sollten . “Ihr fahrt nach Hause”, hieß es. In Minsk empfingen uns die Russen, keiner sagte, wo wir hinkommen. Sie schrieben aber in großen Lettern mit weißer Kreide “Stalinobad ” auf die Waggons. Da wussten wir Bescheid . 
Stalinobad (heute Duschambe ) ist die Hauptstadt von Tadschikistan . Man hatte uns also belogen .

Wir waren 18 Tage unterwegs . In Stalinobad angekommen wurden wir auf einem freien Feld ausgeladen, bei 40 bis 45 Grad Hitze im Schatten . Da saßen wir und warteten auf den Weitertransport . Weil der aber in Russland so “gut” organisiert ist, mussten wir an Ort und Stelle übernachten . Am folgenden Tag wurden wir in eine Schmalbahn verladen , wieder in offenen Waggons und bei drückender Hitze, dann fuhren wir los in Richtung Ujarli im Kreis Kuibischew. Dort wurden wir auf die Kolchosen verteilt. Unsere Verwandtschaft und einige andere Deutsche kamen in die Kolchose Lenin. Einige Russlanddeutsche aus Litauen waren auch schon dort.

In der Kolchose Lenin

So arbeiteten wir Deutschen nun mit Tadschiken und Usbeken, allesamt Muslime,zusammen auf den Baumwollplantagen. Wir bekamen ein Zimmer zugewiesen, ohne Fenster oder sonstige Annehmlichkeiten , gerade mal ein Dach über dem Kopf . Weil ich Russisch schreiben und lesen konnte, haben sie mich gleich als Schreibkraft eingeteilt. Ich musste das, was die anderen geschafft hatten, abmessen, aufschreiben und beim Brigadier abgeben. Mein Bruder hütete als Hirte die Kühe, er bekam dafür jeden Abend zwei Liter Milch. Außerdem bekamen wir Verpflegung von den Amerikanern. Die Amerikaner haben uns in der Sowjetunion lebende deutsche Rüchtlinge mit Grundnahrungsmitteln versorgt. Wir bekamen davon jedoch pro Person nicht mehr als einen Esslöffel Öl und drei Esslöffel Mehl pro Tag. Davon konnten wir natürlich nicht leben. Wir suchten deshalb ganz schnell nach Saatgut, gruben nach Feierabend bis in die Nacht hinein unseren Garten um und säten Rüben, Zwiebeln, rote Beete und was wir sonst an Saatgut aufgetrieben hatten. Wir konnten es kaum erwarten bis die ersten grünen Blättchen aus dem Boden sprossen. Immer wieder haben wir von den Rüben Blätter abgezupft, zerschnitten, aufgekocht und Mehl hineingerührt, sodass wir wenigstens ein bisschen etwas Nahrhaftes zu uns nehmen konnten .

So versuchten wir zu überleben, bis wir entdeckten, dass es in dieser Gegend jede Menge Schildkröten gab. Von da an ging die Jagd auf Schildkröten los. Weil in unserer Siedlung vorwiegend Frauen und Kinder lebten, war ich zum Schlächter auserkoren . Spaß gemacht hat das jedoch nicht. Ich musste zuerst den Panzer aufschlagen, dann den Kopf abschneiden und das Fleisch herausholen. Und das jeden Abend bei bestimmt hundert Stück. Wir waren ungefähr 30 Familien, die kamen mit ihren gefangenen Schildkröten alle zu mir. Aber so hatten wir wenigstens etwas gegen den gröbsten Hunger. Trotzdem ging es uns bis 1947 ziemlich schlecht.

Meine Arbeit in der Kolchose wurde mir mit der Zeit langweilig. Ich ging deshalb zur Maschinentraktor- Station und fragte, ob sie nicht eine Mess- und Schreibkraft bräuchten. Sie stellten mich sofort ein. Die Traktor-Brigade hatte ungefähr 12 Traktoren und Sämaschinen. Meine Aufgabe war es wieder, abzumessen und auszurechnen, wie viel meine Kollegen, die Traktorfahrer, gearbeitet hatten. Das wurde aufgeschrieben und in der Maschinentraktor -Station abgegeben. Für das Bearbeiten von 4,5 Hektar bekam der Arbeiter drei Arbeitstage angerechnet. Für jeden Arbeitstag gab es zwei Rubel. Wenn einer fleißig war, konnte er an einem Tag bis zu neun Hektar bearbeiten, natürlich musste er dafür Tag und Nacht arbeiten, konnte aber bis zu 12 Rubel pro Tag verdienen. Ein Essen kostete damals aber alleine schon acht Rubel, eine Flasche Wodka sieben Rubel.

Nach einem Jahr habe ich erfahren, dass ich weniger verdiene als ein Traktorfahrer. Da beschloss ich, lieber Traktor zu fahren und meinen Schreibposten aufzugeben. Mein Brigadier war damit gleich einverstanden, weil er wusste, dass ich mit den Maschinen gut umgehen konnte. Ich arbeitete weitere fünf Jahre, also bis 1953, als Traktorfahrer, danach musste ich den Posten des Brigadiers übernehmen , weil ich gute Kenntnisse mit den Traktoren hatte und obendrein lesen und schreiben konnte. Diesen Posten hatte ich bis November 1955 inne.

Jungenstreiche

Ich war so 17/18 Jahre alt, als sich die Mädchen und Jungen jeden Abend versammelt hatten, um gemeinsam deutsche Heimatlieder zu singen. Wenn die Gesangsstunde so gegen 22.30 Uhr vorüber war und die Mädchen schlafen gegangen waren, gingen wir Jungs auf die Pirsch, etwas anstellen.

Eines Tages stiegen wir auf das Dach von Elvira Musterfrau, einem Mädchen, das mit ihrer Mutter zusammen in dem Haus wohnte und deckten das Kamin ab. Am nächsten Morgen, als Elvira mit den Sträuchern der Baumwolle ein Feuer anzünden wollte, zog der Rauch aus allen Fugen raus, bloß nicht aus dem Kamin. Sie schaute ins Kamin, man konnte durchsehen, das Kamin musste also offen sein. Dass ich eine Glasscheibe darüber gelegt hatte, daran dachte sie allerdings nicht! 
Elvira machte noch mal ein Feuer, der Rauch kam wieder raus, da dachte sie, dass etwas nicht stimmen konnte. Sie stieg auf das Dach, die Häuser waren dort sehr flach, man konnte ohne Probleme auf die Dächer steigen, und da sah sie die Bescherung. 
Sie hatte sofort einen Verdacht. Das konnte bloß der Hans gewesen sein!
Ich musste morgens nicht so früh raus wie die Frauen. Weil es dort so heiß war, begann die Arbeit auf den Baumwollplantagen schon sehr früh am Morgen und ging bis um drei Uhr am Nachmittag. Ich lag also noch im Bett, da ging die Türe auf : 
“Du Donnerwetter !”, schalt sie, “das kannst ja nur du gewesen sein!” Dann zog sie wieder ab, ich drehte mich vergnügt in meinem Bett um und freute mich über den gelungenen Streich.

Rache ist süß

Mein Bruder arbeitete als Kuhhirte. Einmal ist eine Kuh ausgerissen und einem Muselmanen über seinen Garten gelaufen . Da ging der her und verdrosch meinen Bruder. Ich war gerade zu Hause, als mein Bruder weinend nach Hause kam . Ich habe nicht lange überlegt und bin gleich los. Zwischen den Muselmanen und uns war ein Wassergraben , ich nahm Anlauf und sprang rüber, gleich zu dem Mann . Der war gerade zu Hause, er machte Backsteine für seinen Hausbau. Ich trat auf ihn zu und schlug ihm erst mal eine voll ins Gesicht. Der Muselmane stolperte in ein Erdloch, ich stürzte hinterher und packte ihn gleich noch mal. Plötzlich bekomme ich einen Schlag auf den Kopf . Ich drehte mich um, da stand mein Bruder, er schaute etwas betreten drein, denn er wollte eigentlich den Muselmanen treffen, weil wir uns beim Kämpfen aber gedreht hatten, hatte er mich erwischt. Zum Glück ist nichts weiter Schlimmes passiert.

Nach diesem Vorfall spürten mir die Brüder des Muselmanen nach . Ich ging abends nicht mehr ohne einen 60 Zentimeter langen Montierhebel im Stiefel aus dem Haus. Meine Kumpel kamen öfter zu mir und warnten mich, ich solle aufpassen, sie würden mich da unten abpassen. Ich sagte nur: “Sollen sie doch kommen !” Als sie meinten, die würden mir mit einem Messer zusetzen, zeigte ich ihnen meinen Montierhebel. “Denen wird es genauso ergehen wie dem Hund eines Muselmanen!” Dem hatte ich kurzerhand den Schädel eingeschlagen mit meinem Hebel. Aber das ist eine andere Geschichte . Jedenfalls haben die Muselmanen schließlich aufgegeben, sie wussten vermutlich, was ihnen blühen würde.

Meine Kinder Gottes”

Jeden Morgen, wenn ich zusammen mit einem Landsmann den fünf Kilometer langen Weg zur Arbeit antrat, kam uns Peter Mustermann entgegen und grüßte uns mit den Worten: “Meine Kinder Gottes”. 
Ich antwortete darauf immer mit unserem Gruß: “Gelobt sei Jesus Christus.”
Dieser alte Mann arbeitete als Nachtwächter in der sechs Kilometer entfernten Baumwollfabrik. Wenn wir morgens zur Arbeit gingen, kam er von seiner Arbeit zurück. Seine Tochter war gestorben, der Sohn behindert und die Frau nicht richtig auf dem Damm . “Bäwel”, so nannten wir sie, konnte nur die Hausarbeit erledigen. In der Baumwollfabrik wurde die Wolle übrigens gereinigt und danach je nach Qualität sortiert. Die Ägyptische Baumwolle war die beste, sie fühlte sich an wie Seide. Die Amerikanische Baumwolle war sehr weiß, aber von der Qualität her nicht halb so gut wie die Ägyptische .

Gertrud,eine Jugendliebe

Gertrud wohnte in der Kolchose Lenin, in der gleichen Straße wie wir. Ich sah sie täglich bei der Arbeit, sie war genauso alt wie ich. Gertrud war in der Baumwollverarbeitung tätig. Dazu gehörte das Hacken, Unkrautjäten, Pflücken und die weitere Verarbeitung der Baumwolle . Auch am Abend trafen wir uns beim Singen. Ich hatte damals aber Katharina zur Freundin, eine Schulkameradin. Irgendwann stieß Viktor, ein Kamerad, der mit mir zusammen bei der Ausbildung zur Hitler-Standarte war, zu uns. Seine Kusine arbeitete in unserer Kolchose als Brigadier und so waren wir immer zusammen. Wenn wir Jungen und Mädchen uns trafen, versuchte ich öfter, Viktor mit Gertrud zu verkuppeln. Das ging bestimmt zwei Jahre. Ich habe Gertrud öfter darauf angesprochen, sie gab mir aber nie eine klare Antwort. Einmal drang ich wieder auf sie ein und meinte, sie solle sich endlich mit dem Viktor anfreunden, sie wären doch ein schönes Paar, da schaute sie mich an und sagte: “Aber du wärst mir lieber!”


Gertrud und ich. Sie wurde später meine Frau.

Das war der Grund, weswegen sie Viktor immer links liegen gelassen hatte. Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Katharina aufgeben wollte ich aber auch nicht, schließlich waren wir schon einige Zeit zusammen . Aber ich schaute mir Gertrud doch immer mal wieder genauer an. Sie war ein hübsches Mädchen und ihre Art gefiel mir auch ganz gut. Da kam es mir fast schon gelegen, als ich eines Tages erfuhr, dass Katharina sich von einem anderen hatte nach Hause bringen lassen . Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopfe und machte sofort Schluss mit Katharina. Denn inzwischen war für mich klar, dass ich Gertrud lieber mochte. Katharinas Mutter meinte immer wieder, ich wäre doch der richtige Schwiegersohn für sie, aber ich blieb hart und meinte, es sei endgültig aus zwischen Katharina und mir. Gertrud und ich waren nun ein Paar. Wir hatten aber nicht viel Zeit füreinander. Ich musste den ganzen Tag, manchmal sogar in der Nacht arbeiten. Wenn wir nachts frei hatten, nahm ich jeden Weg auf mich, und wenn es 20 Kilometer waren, um zu meiner Gertrud zu kommen.

Im November 1949 haben wir geheiratet. Aber schon 1950 kam sie ins Krankenhaus und musste dort ein ganzes Jahr bleiben . Niemand wusste so recht, was sie hatte. Es hieß immer, sie könne das Klima nicht vertragen. Sie gab alles, was sie gegessen oder getrunken hatte, wieder von sich. Vom Kreiskrankenhaus wurde sie verlegt nach Stalinabad in eine Infektionsklinik. Als sie wieder genesen war, fühlte sie sich pudelwohl wie ein Fisch im Wasser. Sie hatte ein feuriges Temperament und eine unglaubliche Energie, was sie alles arbeiten konnte! Aber ich ließ sie nicht mehr arbeiten. Ich setzte alle Hebel in Bewegung, dass sie zu Hause blieb. 1951 wurde sie schwanger, 1952 kam sie ins Krankenhaus und gebar am 28. März unseren Sohn Willi. Von der Geburt konnte sie sich nur schwer erholen. Sie musste im Krankenhaus bleiben, wurde wieder nach Stalinabad verlegt, ich nahm das Kind nach Hause. Gertrud ging es so schlecht, dass die Ärzte sie schon aufgaben .

Ihre Mutter war bei ihr, versuchte, ihr Essen einzuflößen, aber es ging nichts mehr. Schließlich hatte Gertrud nicht einmal mehr die Kraft zum Sprechen. Sie wog noch 24 Kilogramm . Die Ärzte wussten sich nicht zu helfen. Wenn ich sie besuchen kam, lag sie vollkommen teilnahmslos da, sie sah aus, als wäre sie schon gestorben .

Bei einem meiner Besuche kam eine Frau auf uns zu und gab uns die Adresse einer Frau, die angeblich heilen konnte, man solle ihr nur den Urin von Gertrud mitbringen. Gertruds Schwester Margarita griff nach diesem Strohhalm und fuhr zu der Frau. Die schaute sich den Urin von Gertrud genau an, fragte einiges nach und meinte immer wieder: „0, das ist schlimm, das ist sehr schlimm!” Sie betete die ganze Zeit. Meine Schwägerin solle am nächsten Tag wieder kommen, sagte sie dann. Tags darauf ging Margarita wieder zu ihr und schon bei der Begrüßung meinte die Alte: “Ihre Schwester ist tot!” Gertrud war aber alles andere als tot! In der Nacht zuvor hatte sie einen halben Liter Bier getrunken und sogar Leber gegessen. Mitten in der Nacht war sie aufgewacht. Ihre Mutter dachte, jetzt gehe es zu Ende. Gertrud habe sich gegen irgendetwas gewehrt, Schaum vor dem Mund gehabt. Plötzlich habe sie sich zu ihrer Mutter gebeugt und mit schwacher Stimme „trinken!” geflüstert. Ihre Mutter reichte ihr Bier und fragte, ob sie auch etwas essen wolle, worauf Gertrud mit einem schwachen, aber deutlichen „Ja” geantwortet hatte. Gertruds Mutter setzte sofort eine Pfanne auf den Bunsenbrenner und bruzelte ein Stück Leber. Leber, sagten die Ärzte, solle sie viel essen. Als Gertrud roch, dass etwas gebraten wurde, flüsterte sie: „Gib es mir, gib es mir”. Sie konnte nicht mehr warten, bis das Fleisch durch war. Das Blut sei ihr rechts und links heruntergelaufen, erzählte die Mutter später, so einen Hunger musste sie auf die Leber gehabt haben. Am nächsten Morgen ging es grad so weiter, Gertrud wollte schon wieder essen.
Als Margarita der Alten erzählte, dass Gertrud nicht tot sei, sondern vielmehr gegessen habe, meinte die: „Dann hat sie es überwunden !” Sie werde wieder gesund . Die Alte hob Gertruds Urin ins Licht, er war so konzentriert, dass er im Glas klebte, und erklärte Margarita, dass der Urin nur bei Sterbenden so aussähe. Von nun an ging es Gertrud mit jedem Tag besser. Sie aß Leber in rauen Mengen.

Ich wusste von alledem noch nichts, weil ich Gertrud nicht jeden Tagbesuchen konnte, das Krankenhaus lag 80 Kilometer von unserer Kolchose entfernt. Außerdem war ich als Brigadier unentbehrlich . Als ich dann aber an dem darauffolgenden Wochenende ins Krankenhaus kam, traute ich schier meinen Augen nicht. Schon von weitem sah ich durch eine Glasscheibe meine Schwiegermutter, aber die Frau , an deren Bett sie saß, erkannte ich erst auf den zweiten Blick . Es war meine auferstandene Gertrud! Seit Monaten hatte ich sie nur liegend gesehen, jetzt saß sie aufrecht im Bett und hatte sogar schon rote Bäckchen . Ich schaute einmal und dann noch mal . “Ja, da schaust du, sie ist es tatsächlich “, rief mir freudig die Schwiegermutter zu. Mit Freudentränen nahm ich meine Gertrud in die Arme.

Unser Sohn Willi wurde in der Zwischenzeit von meiner Mutter betreut. Er war ein Achtmonatskind . Einen Monat überlebte er noch und auf den Tag genau einen Monat später ist er gestorben.
In den ersten Wochen nach der Geburt fragte Gertrud immer wieder, wie es dem Kleinen gehe. Als es ihr immer schlechter ging, hatte sie nicht mehr die Kraft dazu. Aber jetzt, nachdem es ihr wieder besser ging, mussten wir es ihr sagen.
Gertrud erholte sich zum Glück trotzdem . Nur kurze Zeit später erkrankte ihre Schwester Margarita an der selben Infektion . Sie kam auch ins Krankenhaus, erholte sich aber relativ schnell wieder. Die beiden wurden gemeinsam 1954 entlassen und blieben dann aber gleich in Stalinabad , weil es dort besser war zu leben . Ich wollte auch in die Stadt, durfte aber nicht umsiedeln , so konnte ich meine Frau immer nur an den Wochenenden besuchen . Gertrud wog wieder 63 Kilogramm , sie war eine kräftige Frau, auch stark. Vor ihr musste sich mancher Mann in acht nehmen .

Einer unserer Bekannten hatte sie einmal geneckt, da packte sie ihn plötzlich und setzte ihn auf das Bett. Meine Schwiegermutter war auch so, die hatte auch eine Mords­ gewalt. Einmal wollte sie mich nicht zur Türe reinlassen und baute sich vor mir auf. In mir hatte sie natürlich den falschen Gegner. Ich stellte sie kurzerhand beiseite . 
“Mit den anderen kannst du das machen, aber mit mir nicht!”, belehrte ich sie lachend . 
Im Jahr 1955 wurde Gertrud wieder schwanger.

Das Schicksal meiner zwei älteren Brüder

Im Jahre 1948 haben wir erfahren, dass Linus und Emanuel in Komeassr seien, in der Stadt Uchta . Wie sie dahingekommen waren ist eine Geschichte für sich. Sie waren ja in der Tschechei stationiert, kamen in amerikanische Gefangenschaft, wurden nach Amerika verschifft, nach Boston, und da haben die Amerikaner sie den Russen ausgeliefert. Es wurde ihnen gesagt, sie kämen zurück in ihre Heimat und könnten dort arbeiten, ihre Verwandten seien alle schon zu Hause. Mit dem Schiff sind sie ins Schwarze Meer eingelaufen , dann wurden sie mit dem Zug nach Uchta gebracht.

Sie lebten nun also dort. 1957 zog Linus, mein ältester Bruder, um nach Alma Ata. Er hatte vor, sich ins Ausland abzusetzen und glaubte, dass ihm das von Alma Ata aus besser gelingt. Daraus wurde jedoch nichts . Nach einem Jahr ging er wieder zurück nach Uchta, wo ihn ein Cousin, der lmanuel Ehrenpreis, sagte, er solle doch zu ihm nach Novosibirsk kommen . Da wohnte er bis 1972 zusammen mit seiner Frau Lydia, die er in Novosibirsk kennen gelernt hatte und und mit der er zwei Töchter, Nelli und Margarete, hatte.

Die Mutter stirbt

Am 30. März 1955 starb meine Mutter. Merkwürdigerweise genau in dem Krankenhausbett , in dem Gertrud wieder gesund geworden war.Sie war schon seit längerem krank und wurde im Krankenhaus in Stalinabad behandelt. Ich besuchte sie dort regelmäßig. Einmal betrat ich das Krankenhaus, da kam mir mein Bruder Michael entgegen. Ich fragte ihn, wie es der Mutter gehe, er meinte : “Immer gleich”. Durch eine Glasscheibe konnte ich sie sehen. Als ich dann aber genauer hinschaute, fiel mir auf, dass sie so merkwürdig nach Luft schnappte. Michael und ich rannten an ihr Bett, da lag sie gerade im Sterben. Wir haben sie mit Gebeten begleitet bis sie gestorben war. Nach Mutters Tod wollte mein jüngerer Bruder Michael zu unseren älteren Brüdern Linus und Emanuel nach Uchta. Ich konnte ihn davon nicht abhalten, besorgte ihm eine Zugfahrkarte und brachte ihn zum Bahnhof.

Es geht nach Deutschland

Im gleichen Jahr, am 2. Dezember 1955, wurden diejenigen Deutschen, die vor 1939 die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen hatten, aus der Kolchose entlassen. Man sagte uns, dass wir nach Deutschland ausreisen dürften. Es war der Verdienst von Bundeskanzler Adenauer, er hatte diese Maßnahme für uns erwirkt und uns damit von unserem schweren Schicksal erlöst.

Wir wurden in einen sehr komfortablen Zug gesetzt, jede Familie hatte ihren eigenen Schlafwagen, da musste man sich vorkommen wie ein Fürst. Jeden Tag gab es ein warmes Essen, Brot hatten wir so viel, dass wir es unterwegs der russischen Bevölkerung verteilt haben. Ich weiß nicht, wie die Russen erfahren hatten, dass unser Zug da hielt und dass sie von uns Brot bekamen, jedenfalls standen Trauben von Menschen an den Fenstern , sobald unser Zug anhielt. Kinder, Frauen und Männer, alle bettelten sie nach unserem Brot. In unserem Schlafabteil stapelten sich die Brotlaibe. Jeder von uns bekam täglich zwei Kilogramm Brot zugeteilt. Auch einen Reisebegleiter hatte man uns zur Seite gestellt. Von Stalinabad bis nach Frankfurt an der Oder erledigte er die Formalitäten für uns. Dazu gehörte auch, dass er uns mitteilte, in welchen Bahnhöfen wir etwas zu essen bekämen . Wenn unser Zug dann in diesen Bahnhof einfuhr, warteten schon die Essensverkäufer auf uns. Sie hatten Suppen, Fleisch, Kartoffeln , alles, was das Herz begehrte. Im Gegensatz zu dem Leben in der Kolchose wurden wir nun regelrecht überhäuft mit Essen. Nur den Wodka mussten wir uns selbst kaufen. Das haben wir auch fleißig gemacht. Literweise schütteten wir das Zeug in uns rein.

Dann erreichten wir die polnische Grenze. Weil die russischen Züge nicht auf die polnischen Gleise passten, mussten wir umsteigen in Züge aus der DDR, besser gesagt, in Viehwaggons mit Pritschen ohne Matratzen . Darin sollten wir schlafen. Zum Glück hatten wir wenigstens Bettzeug und Baumwollsteppdecken dabei. Meine Frau Gertrud erwartete ja ein Kind, sie war im siebten Monat schwanger. Und auch sie musste in diesen Viehwaggon, obwohl ich dagegen protestiert hatte. Dafür bekam ich dann auch noch einen Anschiss von meiner Schwiegermutter . Sie meinte, ich bräuchte nicht so wählerisch sein, wir würden das schon schaffen, sonst würden sie mich und Gertrud womöglich noch da behalten.So setzten wir die Reise auf recht unkomfortable Weise fort.

Durch ganz Polen wurden wir in unseren Waggons regelrecht durchgeschüttelt. Beim Schlafen habe ich schon gedacht, mir reißt es durch diese ständigen Stöße den Magen raus, wie mag das dann für eine schwangere Frau gewesen sein? Ich befürchtete schon, als sie unterwegs einmal austreten ging und längere Zeit nicht zurückkam , dass sie nun unser Kind verliert. Erschwerend kam hinzu, dass es in dem Zug keine Toilette gab. Man musste warten, bis der Zug hielt, dann schnell aussteigen, sich ins Gebüsch setzen und so schnell wie möglich wieder rein in den Viehwaggon , an dem keine Treppe angebracht war. Für eine schwangere Frau war das eine Zumutung.

In Frankfurt an der Oder stiegen Menschen aus der DDR zu. Ein Mann in unserem Abteil riet uns, bloß nicht in der DDR zu bleiben. Man würde uns fragen, wo wir hin wollten und dann sollten wir gleich die Bundesrepublik angeben. Wir hatten sowieso nichts anderes vor, hier in der DDR wollten wir unter keinen Umständen bleiben.

In Fürstenwalde an der Spree ging es Gertrud so schlecht, dass sie sofort ins Krankenhaus musste. Ich erledigte schnell die Formalitäten und gab an, dass wir in die BRD wollten. Als ich ins Krankenhaus zu meiner Frau kam, erwartete mich eine schreckliche Nachricht . Unser Kind war tot auf die Welt gekommen. Gertrud ging es nach wie vor sehr schlecht. Sie hatte nach der Geburt sehr starke Blutungen. Die Ärzte versuchten alles, um diese Blutungen zu stillen. Vier Tage kämpften sie gegen den Tod an, dann mussten sie aufgeben . Gertrud musste verbluten . Ich sehe sie noch heute vor mir, wie sie aufgebahrt dalag, das Kind bei ihr. Innerhalb nur weniger Tage hatte ich meine Frau und unser zweites Kind verloren .
Der Sarg wurde nach Eberswalde gebracht, wohin man uns in der Zwischenzeit verlegt hatte. Das Durchgangslager in Fürstenwalde müsse frei sein, sagte man uns. In Eberswalde haben wir Gertrud und das Kind am 24. Dezember beerdigt.

Unfreiwilliger Bürger der DDR

Nach den Feiertagen ging ich auf die Gemeindeverwaltung und sagte, dass ich mich in die BRD eingetragen habe und dort auch hin wolle. Ich bekam kurz und bündig die Antwort: “Herr Ehrenpreis, Sie sind ein Bürger der DDR.” Davon wusste ich nun gar nichts. Der Mann klärte mich auf, dass sie mich in dem Moment, als ich das Lager in Fürstenwalde verlassen hatte, automatisch in die DDR eingebürgert haben. Schon am 2.Januar wurde ich als Busfahrer dem Verkehrsbetrieb Eberswalde zugewiesen . Weil ich keinen Omnisbus-Führerschein hatte, sollte ich zunächst als Schlosser verschiedene Reparaturen ausführen . Leere Busse durfte ich fahren, aber keine Personen transportieren.

Nachdem ich mich von dem Schock meiner unfreiwilligen Einbürgerung in die DDR einigermaßen erholt hatte, bat ich die Gemeindeverwaltung, meinen Onkel, der in der Nähe von Halle wohnte, ausfindig zu machen, schließlich hätte ich nach dem Tod meiner Frau niemanden mehr und wäre ganz alleine hier.

Ich wartete eine Woche, noch eine Woche, dann gab mir ein Arbeitskollege den Tipp, ich müsse die Sache selbst in die Hand nehmen. Ich solle an das Einwohnermeldeamt in Halle schreiben, sie sollten Raphael Ehrenpreis, meinen Onkel, ausfindig machen und mir die Adresse schicken. Aber da bekam ich auch keine Antwort. Kurze Zeit später jedoch erreichte mich ein Brief direkt von meine Onkel. Das Einwohnermeldeamt hatte meinen Brief wohl gleich direkt an ihn weitergeleitet. Ich hatte Onkel Raphael noch nie gesehen, er war 1918 über Polen nach Deutschland ausgewandert. Er schrieb, dass er mich zwar nicht kenne, aber wenn ich der Sohn seines Bruders Joseph sei, wäre ich jederzeit und gerne willkommen . Ich solle ihn besuchen kommen, er habe ein Gasthaus, ein Vermögen und keine Kinder. Wenn ich wolle, könne ich gerne bei ihnen wohnen.

Gleich am darauffolgenden Wochenende setzte ich mich in den Zug nach Halle. Mein Onkel und seine Frau freuten sich sehr, natürlich hatten wir uns viel zu erzählen . Mir gefiel es in Halle ganz gut, aber gleich dableiben wollte ich auch nicht. Deshalb fuhr ich erst noch einmal nach Eberswalde zurück .

Die armen Schlucker!

Auf dieser Rückfahrt hatte ich ein ganz besonderes Erlebnis . Mein Zug fuhr durch Berlin an der Zonengrenze über den amerikanischen Sektor, wo niemand aussteigen durfte. Ich musste eingeschlafen gewesen sein. Jedenfalls hörte ich irgendetwas wie “fels” oder “feld”, griff noch halb benommen nach meinem Mantel und stieg schnell aus. Da hatten mich schon zwei Vopos aufgegriffen . Ich setzte mich zur Wehr, da nahmen sie mich fest, führten mich in ihr Häuschen und verlangten nach meinen Papieren. Was sie von mir wollten , wussten sie im Grunde selbst nicht. Während sie mich befragten, sah ich zwei russische Soldaten am Fenster vorbeigehen. Ich ging zur Türe und plauderte auf Russisch mit den Soldaten . Die beiden freuten sich riesig, dass sie jemanden getroffen hatten , der Russisch sprach. Sie wollten wissen , woher ich komme und was ich hier mache. Neben mir wurden die beiden Vopos immer unruhiger. Meinen Ausweis in der Hand, die Gesichter kreidebleich, drängten sie schließlich: “Schnell, schnell, Herr Ehrenpreis, Ihr Zug fährt gleich ab. Nehmen Sie Ihren Ausweis und beeilen Sie sich.” Ich wandte mich ihnen zu und sagte: “Was seid ihr nur für arme Schlucker, dass ihr vor zwei kleinen russischen Soldaten so eine Angst habt!’ Ich nahm meinen Ausweis, verabschiedete mich von den beiden Russen, stieg in meinen Zug und fuhr weiter nach Eberswalde . Dort leitete ich alle nötigen Schritte für meinen Umzug nach Halle ein und fuhr schon am nächsten Tag zu meinem Onkel.
Das war im April 1956.

Beim Onkel in Halle

Am nächsten Tag ging mein Onkel mit mir erst einmal Kleider einkaufen. Ich hatte ja überhaupt nichts. Onkel Raphael kleidete mich ein mit einem schönen Mantel, Anzug und Schuhen. Ich arbeitete in seinem Gasthaus als Kellner und führte die Wirtschaft. Meinem Onkel war das sehr recht. Er lachte immer, wenn ich beim Bierzapfen die Zigarette im Mundwinkel hielt. Aber so richtig wohl fühlte ich mich bei dieser Arbeit nicht. Als ich mit meinem Onkel darüber sprach, meinte er, ich könne auch arbeiten gehen. In Trebitz, einem Ortsteil von Wallwitz in der Nähe von Halle, gebe es eine Traktor- Station. Wenn ich wolle, würde er mich dahin begleiten .

Die Sache interessierte mich, also nahm ich Onkel Raphaels Angebot gerne an. Man kannte ihn dort recht gut. Er war vor seiner Pensionierung Versicherungsdirektor, ein hohes Tier, der immer mit seinem Moped in der Gegend um Halle herumgefahren ist. Die Station gefiel mir ganz gut und tatsächlich konnte ich auch gleich als Traktorfahrer anfangen .

Über das „wunderschöne” Leben in der Sowjetunion

Mein erstes Fahrzeug war ein 45er Lanz mit Schwungrad. Nachher war ich bis Oktober 1956 LKW-Fahrer
.Bei einer Betriebsversammlung wurde vom Vorsitzenden der SED ein solch übertriebenes Loblied auf die Sowjetunion gesungen, dass man annehmen musste, es herrschten dort wahrhaft paradiesische Zustände. Ich kannte ja nun das Leben in der Sowjetunion zur Genüge und zwar von vorne bis hinten, da konnte ich mich einfach nicht mehr beherrschen . Auf die Frage des Betriebsleiters , ob jemand noch etwas hinzuzufügen habe, meldete ich mich und fragte den Mann, ob er denn die Sowjetunion schon mal besucht habe. Ja, meinte der, er sei in Moskau gewesen und in Leningrad, dort blühe alles auf . Da meinte ich, wenn er die Leute anschwindeln wolle, müsse er denen, die die Sowjetunion erlebt hätten, vorher sagen, dass sie rausgehen sollten, dann könne er lügen, so viel er wolle.
Der gute Mann vergaß natürlich nicht, mich nach der Versammlung in sein Büro zu zitieren . Ich freute mich schon auf diese Aussprache. Angst hatte ich keine, schließlich konnte ich immer noch zurück in die Sowjetunion . Der Mann forderte mich auf. auch einmal etwas Gutes über die Sowjetunion zu sagen, nicht immer bloß Schlechtes. Meine Antwort war ebenso kurz wie deutlich : „Ich habe in den 25 Jahren, die ich in der Sowjetunion verbrachte, noch nichts Gutes gesehen!” Dann drehte ich mich auf dem Absatz um und ging raus.

Eine Anzeige ließ natürlich nicht auf sich warten. Mein bester Freund, ein Polizist, riet mir, mich doch ein wenig zurückzuhalten . Erwisse ja, was ich in der Sowjetunion durchgemacht habe, aber man könne die Umstände nicht ändern. Ich erwiderte, dass ich mich nicht zusammenreißen könne, in mir koche es, wenn ich solchen Unsinn höre. Ich war mir sicher, dass man mich in der DDR nicht verhaften könne, vorher ging ich in die Sowjetunion .

Nach der fünften Anzeige kam mein Freund wieder zu mir und meinte, die anderen Anzeigen hätte er alle zerrissen, aber jetzt könne er mich nicht länger decken. Ob ich nicht eine Adresse im Westen hätte, wollte er wissen. Ich hatte eine, die gab ich ihm und nur acht Tage später kam er abends, es war so gegen 18.30 Uhr, zu mir mit einem Interzonenpass in der Hand .
“Mach’ dich aus dem Staub!”, riet er mir, ich solle “auf Besuch” zu meinen Bekannten in den Westen fahren. Ohne noch lange zu überlegen, nahm ich meine Aktentasche, packte Zahnbürste, Schlafanzug, Rasierapparat und Unterwäsche ein, erkundigte mich nach einer Zugverbindung und saß bereits um 21.30 Uhr im Zug nach Kassel.

Ein neues leben im Westen

Dort angekommen, ging ich zunächst zu meiner Schwiegermutter und Schwägerin und übernachtete bei ihnen. Am nächsten Tag fuhr ich weiter nach Friedland in ein Aufnahmelager. Das. war am 9. Oktober 1956, einen Tag vor meinem 27. Geburtstag.

Ich hatte das Glück, dass meine Kameraden wussten, dass ich nicht in der DDR bleiben wollte, sondern durch die Umstände des Todes meiner Frau und des Kindes zwangsweise festgehalten wurde. Ohne große Umstände bekam ich darum die Anerkennung als Spätheimkehrer. Man fragte mich in Friedland , wohin ich in Deutschland wolle, da gab ich die Stadt Reutlingen an. Ich hatte erst kurz vorher erfahren, dass es in Baden-Württemberg viel Industrie gebe. Und nachdem ein Bekannter eine Stelle in Reutlingen bekommen hatte, und ich mich in dem Aufnahmelager langweilte, stand für mich außer Frage, dass ich auch dorthin wollte.

Von Reutlingen nach Maisenbach-Zainen

Es dauerte nicht lange, da bekam ich den Bescheid , dass ich ins Aufnahmelager nach Reutlingen überwechseln könne. Das Leben dort gefiel mir sehr gut. Ich hatte viele Freunde, mit denen ich gerne Fußball spielte. Wir hatten eine gute Kameradschaft. Eines Tages kam ein Brief für mich aus Russland von meiner Kusine Lina. Sie schrieb, dass ihr Schwager Michael Mustermann in Maisenbach­ Zainen lebe, einem kleinen Dorf im Kreis Calw, und dass ich ihn doch mal besuchen solle. Ich musste mir erst einmal auf der Landkarte anschauen, wo sich der Ort befand, stellte dann aber zufrieden fest, dass er von Reutlingen gar nicht so weit entfernt lag. Ich hatte mir inzwischen ein Motorrad gekauft, so gab es keinen Grund, weswegen ich nicht einen Sonntagsausflug in dieses Maisenbach-Zainen unternehmen sollte.

Dort angekommen, war die Freude groß. Ich blieb über Nacht, es war kurz vor Ostern 1957. Wir haben ausgemacht, dass wir an Ostern gemeinsam zu Michels Bruder Peter Fries nach Bersum bei Wolfenbüttel in Niedersachsen fahren. Am Ostersamstag fuhren wir los und kamen bis nach Kassel. Mir war unterwegs noch der Sprit ausgegangen, aber ich hatte Glück. Ganz in der Nähe war eine Tankstelle, bis dahin konnte ich meine Maschine rollen lassen. In Kassel besuchten wir meine Schwiegermutter. Am Morgen des Ostersonntags fuhren wir weiter nach Bersum. Unser Eintreffen dort wurde wie ein kleines Fest gefeiert. Wir kannten uns ja alle und hatten uns natürlich viel zu erzählen und viel zu feiern bis wir am Ostermontag wieder zurückfuhren .

Das schöne Mädchen aus der Nachbarschaft

Fast jeden Sonntag war ich nun zu Besuch bei Michel und seiner Frau Lydia . Dabei sind mir die zwei hübschen Mädchen aus der Nachbarschaft nicht entgangen. Ich hatte sie öfter vom Fenster aus beim Abwaschen beobachtet.
“Aus der Dunkelhaarigen könnte man eine hübsche Frau machen”, sagte ich einmal zu Lydia. Die aber meinte nur : 
“Du alter Bock, wirst mir doch nicht das Mädchen versauen wollen. Sie ist noch viel zu jung!” Woraufhin ich zurückgab: 
“Aus einer Jungen kann man eine Alte machen, aber umgekehrt kann man nicht aus einer Alten eine Junge machen .”

Eines Sonntags, es war im Sommer 1957, traf ich beim Nachhausefahren die beiden Hübschen am Ortsausgang. Ich brachte mein Motorrad vor ihnen zum Stehen und sprach sie an mit den Worten: “Ihr habt es aber schön, ihr könnt mit eurem Fahrrad spazieren fahren!” Da erwiderten sie: “Sie haben es noch schöner. Sie müssen nicht in die Pedale treten”. Das klang schon sehr ermutigend, also nahm ich all meinen Mut zusammen und bot ihnen an : “Ihr könntet es auch so schön haben, ich habe einen Seitenwagen , darin habt ihr beide Platz.” Gesagt, getan. In der darauffolgenden Woche war ein Feiertag. Natürlich kam ich wieder zu Michel auf Besuch. Ich erzählte ihm von meinen neuen Bekanntschaften und fragte ihn, wie ich denn an die beiden herankommen könnte . Michel meinte, da gebe es nur eines. Die beiden Mädchen seien mit ihren Eltern bei der Heuernte und wir beide könnten ihnen ja dabei helfen. Wenn die Arbeit erledigt sei, könnte ich vielleicht vom Paul, dem Vater, die Erlaubnis bekommen , seine beiden Töchter auszuführen. So geschah es. Wir fuhren gleich nach dem Mittagessen raus auf die Wiese und halfen tatkräftig mit beim Zusammenrechen und Aufladen . Paul hatte einen großen Heuhaufen gemacht, ich stach mit der Gabel und meiner unsinnigen Kraft hinein, hob sie an, da hatte ich plötzlich zwei! Ein Stück steckte im Heuhaufen, das andere hielt ich in der Hand. lch wollte halt den ganzen Haufen auf einmal aufladen . Das war mein Einstand . Paul maulte vom Wagen oben runter: “Mit dem Kopf schaffe, net mit G’walt!” Ein bisschen betreten nahm ich eine andere Gabel und machte weiter. Wir hatten alles aufgeladen und in der Scheune versorgt, Paul kam gar nicht hinterher, so schnell hatten wir das Heu vom Wagen abgeladen.

Es war noch schöner Sonnenschein, da waren wir schon fertig. Ich fasste mir ein Herz und frage Melitta, ob wir zusammen eine kleine Spazierfahrt unternehmen. Aber wie die braven Mädchen halt so sind, meinte sie, ich müsse erst ihren Vater fragen. Kein Problem , dachte ich. Mit Paul hatte ich schon einige Male im .Lamm ” Skat gespielt. Ich trat auf ihn zu, brachte mein Anliegen vor, aber der Paul schaute mich bloß an und meinte: “Was willsch du?!’ Sonst war nichts aus ihm rauszukriegen . “Keine Antwort ist ein halbes Ja”, erwiderte ich, es hieß zumindest nicht “nein”. Ich nahm Melitta an der Hand und schon traten wir unsere erste Spazierfahrt an.

Beim Musterfirma suchen sie Leute

So hat sich das weiterentwickelt. Von nun an kam ich jeden Samstag nach Maisenbach-Zainen . Wenn Melitta auf dem Feld arbeiten musste, hab ich ihr geholfen . Sonntags machten wir Ausflüge mit dem Motorrad.
Natürlich habe ich auch bei der Arbeit in Reutlingen von meiner großen Flamme erzählt, ein Arbeitskollege fragte gleich: 
“Ist sie auch katholisch?” Das wusste ich nun tatsächlich nicht. Beim nächsten Treffen mit Melitta fragte ich sie aber gleich nach ihrer Konfession , und Gott sei Dank, sie war katholisch.

Ich arbeitete damals in Reutlingen-Betzingen in einer Walzerei. Bei einem weiteren Besuch in Maisenbach-Zainen meinte der Michel, ich solle doch hierher ziehen. Es gebe hier auch Arbeit für mich . Beim Bauknecht würden immer Arbeiter gesucht. Weil ich mit Melitta zusammenbleiben wollte, sprach ich in der darauffolgenden Woche gleich bei Musterfirma vor. Michel hatte recht.

Bei Musterfirma war man damals froh um jeden neuen Mitarbeiter. Ich wurde sofort eingestellt, noch im Sommer sollte ich anfangen, sagte man mir beim Vorstellungsgespräch.
Das kam mir sehr gelegen. Wohnen konnte ich beim Michel, auch mit Essen wurde ich dort gut versorgt.

Wellet ihr net heirate?”

Von nun an konnten Melitta und ich uns täglich sehen. Melittas Vater passte unsere Poussiererei überhaupt nicht. “Die kriegen von mir keine Einwilligung zum Heiraten !’, maulte er mich an. Melitta war ja erst 17 Jahre alt. Das Problem ließ sich auf einfache Art und Weise lösen . Melitta wurde schwanger. Als der Bauch nicht mehr zu übersehen war, raunzte mich Melittas Vater eines Tages an: “Wia, wellet ihr net heirate? Do sieht mr jo scho vo weitem, was do los isch!’ 
Nun hatten wir also doch den “Segen” ihres Vaters.
Am 31. August 1958 haben wir beim alten Bürgermeister Stoll im Maisenbacher Rathaus geheiratet. Das war ein besonderes Erlebnis. Bis der sein Zeugs alles beieinander hatte, ist bestimmt eine halbe Stunde vergangen . Und Paul, mein künftiger Schwiegervater, setzte, wenn auch widerwillig, seine Unterschrift darunter.


Melitta und ich als frisch vermähltes Ehepaar am
Tag unserer standesamtlichen Hochzeit.
Das Haus wird umgebaut

Vor unserer Hochzeit hatte Paul beschlossen, sein Haus umzubauen. Ich musste den Blinddarm operieren lassen und als ich heimkam, stand das Haus fast vollkommen ausgebeint auf Stelzen da, die Wände rausgeschlagen, die Decken mit Lehm und Stroh gedeckt. Nachdem der Bau unten fertig war, meinte Paul, ich könne jetzt die obere Wohnung für Melitta und mich ausbauen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir die Schlacke mit Eimern hochgezogen haben. Die Schlacke kam zwischen die Balken, dann habe ich die alten Bodenbretter wieder draufgenagelt. Bis zur Hochzeit waren wir noch nicht ganz fertig, die Hochzeitsfeier haben wir noch unten beim Schwiegervater gefeiert, da war noch nicht einmal tapeziert. Unsere spätere Wohnung war ein recht bescheidenes Reich. Sie bestand aus einem Schlafzimmer und einer Wohnküche.

Wir werden eine Familie

Im Oktober bekam Melitta leichte Wehen. Sie ging ins Siloah nach Pforzheim, das Kind kam aber nicht. Ich besuchte sie einen Abend , dann noch einen, ich weiß gar nicht mehr, wie lange wir gewartet haben, bis irgendwann die Herztöne nicht mehr zu hören waren und sich die Ärzte entschlossen, das Kind zu holen. Aber es war schon zu spät. Das Kind, es war ein Mädchen, ist erstickt, es war ganz blau im Gesichtchen. Als es dann aber zwei Tage später im Sarg lag, hatte es richtig schöne rote Bäckchen.
Nun waren Melitta und ich wieder zu zweit. Aber schon ein Jahr später, im Oktober 1959, kam unsere Ute auf die Welt. Nach weiteren vier Jahren wurde Bettina geboren. Sie hat ganz schön auf sich warten lassen, es war bestimmt schon zwei Wochen über den Geburtstermin hinaus, als sie endlich auf die Welt kam . Aber dafür war sie ein selten fröhliches Kind . Sie lachte immer. Jedes Mal, wenn jemand an ihr Bettchen kam, strahlte sie über das ganze Gesicht und freute sich richtig. Sie lachte und quietschte vor Vergnügen, dass es eine wahre Pracht war. Das ist ihr geblieben. Bettina lacht heute noch gern und viel.


Und schon sind wir eine glückliche Familie. Melitta und ich mit Ute (vorne) und Bettina
Melittas Großmutter stirbt

Nur wenige Tage nach Bettinas Geburt erlitt Melittas Großmutter, die Mutter von Paul, einen Schlaganfall. 
Wir hatten gerade Melittas Schwester Nelli mit ihrem Mann und Sohn zu Besuch. Melitta hatte bei ihren Eltern unten gekocht, nachdem das Essen fertig war, rief man die Großmutter an den Tisch. Sie kam aber nicht. Wir gingen hoch, da lag sie wie schlafend mit aufgestützten Armen am Spülstein in der Küche. So hatte sie schon oft an dieser Stelle gesessen, aus dem Fenster geschaut und manchmal war sie dabei auch eingenickt. Aber um die Mittagszeit noch nie. Da stimmte etwas nicht. Tatsächlich war die Großmuter nicht wach zu kriegen.Wir trugen sie ins Bett und riefen nach dem Arzt. 
Der stellte fest, dass sie einen Schlaganfall erlitten hatte. Sie lebte noch ein paar Tage ohne wieder zu sich zu kommen, dann ist sie gestorben .

Nach der Beerdigung räumten wir ihre Zimmer aus, die Großmutter hatte ein Zimmer und Küche auf unserem Stock. Die konnten wir nun beziehen. Ute und Bettina bekamen ein eigenes Kinderzimmer, sie mussten jetzt nicht mehr in der Wohnküche schlafen. 1966, am 12. November, ist Heike auf die Welt gekommen .

Hausbau im Alleingang

Ein Jahr davor hatte ich schon einen Bauplatz gekauft, Paul hatte natürlich auch da gemault. Wieso ich den einen Bauplatz kaufe, das sei rausgeschmissenes Geld, er habe doch einen. Ich wollte mir jedoch nicht auch noch sagen lassen, dass ich mein Haus auf seinem Grund und Boden stehen habe. Nun setzte ich alle Hebel in Bewegung, um schnellstmöglich ein Haus zu bauen . Ich erkundigte mich nach meinem Bausparvertrag und meinem Heimkehrergeld , beantragte Lakra-Gelder- und alles klappte. Dann suchte ich mir ein Haus aus. Es sollte ein Isospan-Haus werden und auch das wurde genehmigt. Ich ließ den Bagger kommen, der hob mir die Baugrube aus, dann fing ich an, das Fundament auszugraben . Und jetzt ging die Arbeit erst richtig los. Morgens um vier, halb fünf ging ich zur Arbeit bis mittags um zwei. Am Nachmittag kam ich heim und ging sofort auf den Bau. Abends konnte ich gut arbeiten, die Straßenlampe schien genau auf die Baustelle. Der Nachbar, Herr Mustermann, brachte mir den Kies, ich habe alles eingeschalt, dann wurde die ganze Platte auf ein Mal betoniert.

Ich hatte natürlich ein paar Helfer. Hermann Mustermann war da, Dieter Mustermann und die Schwiegermutter. Auch der Schwiegervater ließ sich blicken … Melilta und ihre Mutter hatten das Betonanmachen übernommen, ich war der “Fahrer” . Ich transportierte den ganzen Beton mit dem Schubkarren an Ort und Stelle. Als unten die Bodenplatte drin war, wurden die Mauern hochgezogen . Danach zog ich die Decke ein, es war eine Fertigdecke, die ich nur noch anpassen musste. Im Juli 1968 war die Decke fertig. Dann rief ich an, dass man das Haus bringen könne. Man sagte mir, es käme erst Anfang Oktober, ursprünglich hatten wir August als Termin .Anfang Oktober kam wieder ein Anruf. das Haus verzögere sich um weitere zwei Wochen, es komme erst Ende Oktober. Da meinte ich, sie sollten das Haus den Winter über bei sich behalten und erst im April des Folgejahres bringen. So war es dann auch. Den Winter über konnte ich den Keller ausbauen, die Heizung vorbereiten, die Tanks reinstellen , verputzen und Boden reinmachen und die Fenster einsetzen. Als das Haus dann kam, war unten alles fix und fertig.

Im April kam dann der erste Lastwagen mit den Steinen und allem, was man zum Mauern brauchte. Dann ging der Endspurt los. Und immer morgens in aller Frühe zur Arbeit gehen, am Nachmittag bis spät in die Nacht hinein auf dem Bau arbeiten. Das Haus nahm langsam Gestalt an, es wurde höher, einen Kran gab es nicht, da musste ich austüfteln, wie ich drei Meter Höhenunterschied mit dem Schubkarren bewältige . Ich baute mir ein Gerüst von der Einfahrt bis ans hintere Ende des Hauses und eines hoch auf den Balkon. Über den Balkon konnte ich dann reinfahren. So habe ich den zweiten Stock hochgemauert. Den Beton zum Ausfüllen jedes einzelnen Steines zogen meine Frau und ich mit Eimern rauf . Auch die Dachbalken verlegten wir alleine. Sie waren nummeriert und mussten nach Plan verlegt werden. Melitta musste die Balken halten, ich stand auf der Leiter und habe die Nägel reingehauen . Nachdem der First geschafft war, lief es wie am Schnürchen. Dann kam die Verschalung. Es war noch ziemlich neu, dass auf die Balken eine Verschalung kam und darauf die Dachziegel. Es hatte damals geheißen, dass ein verschaltes Haus besser zu isolieren sei. Nach der Verschalung wurden die Latten aufgebaut, danach die Ziegel verlegt . So haben wir das Dach zugemacht.

Melitta und ich haben das meiste alleine geschafft. Schwägerin Helga half und öfter auch Melittas Mutter. Die obere Wohnung war für Renate und ihre Familie vorgesehen , sie sollte zuerst fertiggestellt werden, weil Renate schon darauf wartete, dass sie einziehen konnte. Sie wohnte bisher in sehr beengten Verhältnissen bei ihren Eltern. 
Der Gipser Eugen Mustermann aus Oberlengenhardt machte innerhalb von zwei, drei Tagen den kompletten Innenverputz, ich arbeitete ihm zu. Die Türen wurden eingesetzt, dann die Fenster, alles haben wir selbst gemacht.

Der Schwiegervater von Melittas Schwester Renate war Raumausstatter von Beruf, sein Stiefvater war Bodenleger . Beide haben eine Woche bei mir gearbeitet, der Boden war so schnell verlegt, dass wir mit Tapezieren nicht hinterher gekommen sind. Dann wurde der Teppichboden verlegt.

Die Küche für den oberen und den unteren Stock habe ich bei einem befreundeten Elektriker gekauft. Ich wollte sie ursprünglich direkt vom Bauknecht bestellen , aber da hat der Freund gemeint, er verkaufe sie mir für fünf Prozent unter dem Preis von Musterfirma . Es war eine sehr gut gebaute Küche. sie hat bis ins Jahr 2002 gehalten .

In den eigenen vier Wänden

Kurz vor Ostern im Jahr 1970 konnten wir in unser neues Haus einziehen . Noch am gleichen Tag des Umzuges haben wir im neuen Haus geschlafen. Die erste Nacht in den eigenen vier Wänden war schon ein ganz besonderes Gefühl. Das ganze Haus kostete, so wie es jetzt dasteht, mit allem Drum und Dran 90.000 Mark. Für den Bauplatz habe ich damals 9.200 Mark bezahlt.

Wir haben noch nicht einmal zwei Jahre in unserem neuen Haus gewohnt, da trat die Gemeinde an uns heran, sie wolle eineinhalb Meter von unserem Grundstück abkaufen für den Bau einer neuen Straße. Ich war damit nicht einverstanden, erst hat es geheißen, ich müsse mein Haus acht Meter von der Straße wegbauen und jetzt kamen die mit der Straße vor unser Haus, das konnte ja wohl nicht sein. Wir haben hin­ und hergestritten, plötzlich kam mir die Idee, dass ich es mir vorstellen könnte, wenn uns Frau Musterfrau, die Besitzerin des Grundstückes hinter unserem Haus, drei Meter verkaufen würde. Unter dieser Voraussetzung stellte ich der Stadt meine Einwilligung in Aussicht. Da kam der damalige Bürgermeister Fritz Mustermann und meinte, ich würde die drei Meter bekommen, Frau Musterfrau werde verkaufen. Sie war obendrein noch so bescheiden , dass sie nur so viel Geld dafür wollte, wie ich vom Landratsamt für die 1,5 Meter bezahlt bekam . Hätte ich doch bloß vorher mit der Frau geredet, sie hätte mir womöglich noch viel mehr verkauft.

Das Schönste aber war, dass der Straßenbau gar nicht so verlaufen ist, wie es ursprünglich geplant war. Anstatt der 1,5 Meter, die man von meinem Grundstück haben wollte, waren es letztendlich nur 35, beziehungsweise 80 Zentimeter. Auf diese Weise hat sich unser Grundstück um ein beachtliches Stück vergrößert. Das nahm ich zum Anlass, die Garage vor dem Haus abzureißen und hinter dem Haus eine sieben auf sieben Meter große neue zu bauen . Da haben jetzt , wenn es sein muss, drei Autos Platz. Letztendlich verlief alles reibungslos.

Dass ich zusammen mit Melitta ein Haus fix und fertig hinstellen könnte, hat mir mein Schwiegervater nicht zugetraut . Auch andere Zainemer hätten es nicht für möglich gehalten. Immer mal wieder kam der eine oder andere auf die Baustelle und erkundigte sich nach den Fortschritten . “Na, Hans, was hast du heute für einen Beruf?” , rief der Nachbar Willi Mustermann öfters hoch, wenn er mich bei der Arbeit auf dem Bau sah. Ich hatte ja auch, wenn man es so nimmt, jeden Tag einen anderen Beruf. Was ich da gearbeitet habe, das soll erst mal einer nachmachen!

Vieles von meinen Fertigkeiten hatte ich mir von meinem Vater abgeschaut. Er baute ja auch alles im Alleingang, und nicht nur ein Haus. Was ich sonst noch wissen musste, habe ich mir auf den Baustellen abgeschaut, auf die ich als Betonfahrer gekommen bin . Ich schaute genau zu, wenn das Fundament gelegt wurde. Auch als der Schwiegervater sein Haus umbaute, schaute ich so oft es ging den Handwerkern über die Schultern . Ich habe halt die Begabung, dass ich über das Zuschauen viel lernen kann .

Der Renault und die Osterfahrt

Die Familie Schnaible ging jeden Sonntag zum Gottesdienst in das benachbarte Schömberg. Der Umstand , dass ich in meinen Anfangszeiten in Maisenbach-Zainen immer nur höchstens zwei Personen auf meinem Motorrad mitnehmen konnte, gefiel mir nicht. Ich wollte die ganze Familie zum Gottesdienst transportieren – und darum habe ich mir kurzentschlossen ein Auto gekauft. Es war ein 600er Fiat, ein schönes robustes Auto, das einwandfrei lief .

Mit dem Fiat unternahmen Melitta, Lydia, Michel und ich eine Osterfahrt, wieder nach Bersum zu Michels Bruder. Auf der Hinfahrt machten wir einen Abstecher bei meiner ehemaligen Schwiegermutter in Kassel. Wir bekamen ein Frühstück und als Melitta beim Geschirrspülen alleine war mit der Schwiegermutter, meinte die: “Der Hans ist schon ein guter Kerle, wenn er bloß nicht so viel trinken würde!’ Melitta fiel aus allen Wolken. Sie war ja nun schon eine Weilemit mir zusammen und wusste, dass ich, wenn überhaupt, nur sehr wenig Alkohol trank. Dafür war ich bekannt. Melittas Vater hatte natürlich auch das zum Anlass genommen, über mich zu schimpfen : “Der kann doch net saufe!” Warum die Schwiegermutter nun behauptete , ich würde trinken, verstehe ich bis heute nicht.

Melitta erzählte mir jedenfalls gleich von dem Gespräch in der Küche . Ich konnte Melitta beruhigen und mich über meine Schwiegermutter nur wundern. Am Nachmittag fuhren wir weiter nach Bersum, wo wir bis Ostermontag blieben.
Auf der Rückfahrt machten wir Rast an einer Tankstelle . Beim Losfahren bemerkte Melitta, dass ihre Türe nicht richtig zu war. Die Tür ging beim Fiat von hinten nach vorne zu . Sie wollte sie noch mal aufmachen und richtig schließen, da riss ihr der Fahrtwind die Tür auch schon aus der Hand. Ich trat voll auf die Bremse und konnte Melitta gerade noch mit einer Hand wieder ins Auto reinziehen . Ich brachte den Wagen zum Stehen und war erst einmal froh, dass Melitta nichts passiert war. Aber dann sah ich die Bescherung. Die Türe war gegen den hinteren Kotflügel geschlagen und hinterließ dort eine ordentliche Delle.

Diesen Schaden konnte man noch einigermaßen beheben . Aber nachdem ich einmal ganz leicht einen Hänger gestreift hatte und mein Auto davon eine Schramme davongetragen hatte, bekam ich jedes Mal bei Regenwetter nasse Füße. Auch dann noch, als der Schaden von der Autowerkstatt Göring angeblich geflickt worden war. Damit wollte ich mich nicht abfinden.

Der Renault Dauphine und die rote Decke

In Pforzheim habe ich mir deshalb einen Renault Dauphine gekauft. Auch dieses Auto gefiel mir gut, es lief zauberhaft . Es hatte nur das Problem , dass es, weil der Motor hinten saß, vorne zu leicht war. Wenn ich auf der Autobahn mit 130 oder 140 Sachen fuhr, drückte es mich bei Windstößen regelrecht zur Seite.

Dieser Nachteil hätte mich einmal fast das Leben gekostet. Es war am 2. Januar. Ich fuhr mit Michel von der Arbeit nach Hause. Wir waren kurz vor Hirsau, die Straßen waren frei, aber stellenweise glatt. Auf der Höhe des ehemaligen Gutleutehauses kam mir in einer Kurve ein Mercedes in die Quere, der im Überholverbot überholt hatte. Ich trat leicht auf die Bremse, die blockierte aber gleich, so dass ich ins Schleudern geriet. Das konnte ich als geübter Fahrer wieder auffangen. Das Auto stand schon fast wieder in Fahrtrichtung, da tauchte plötzlich ein Motorrad vor mir auf. Ich trat wieder auf die Bremse, das Auto drehte sich um die eigene Achse, prallte gegen den Bordstein und überschlug sich. Es lag auf dem Dach, rechts und links allerdings keinen einzigen Kratzer. Das Dach war natürlich eingedellt, die Scheibe rausgeflogen . Michel und ich stiegen aus, wir hatten zum Glück keine Verletzungen. Ich hatte für alle Fälle eine Decke, sie war rot gemustert, im Auto. Die breitete ich nun aus, damit das Auto beim Umdrehen keine Kratzer bekam .

Wir stellten das Auto wieder auf und in dem Moment fuhr der Bus mit den Arbeitern aus Maisenbach­-Zainen vorbei. Als die zu Hause angekommen waren, hatten sie nichts Besseres zu tun, als zu Melilta zu gehen und ihr zu erzählen, dass ich einen Unfall gehabt hätte. Das Auto liege auf dem Dach, den Michel hätten sie gesehen, aber den Hans nicht. Vor dem Auto sei eine große Lache Blut gewesen . Eine halbe Stunde später kam ich zu Hause an, das Auto hatte bis auf die fehlende Scheibe und die Delle keinen Schaden . Meine Frau fiel mir in die Arme, sie konnte es gar nicht fassen, dass ich so unversehrt vor ihr stand. Da ist den Kollegen offensichtlich die Phantasie durchgegangen . Sie hatten die rote Decke als Blutlache interpretiert.

Der neue Dauphine und die kaputte Nockenwelle

Als ich den Renault am nächsten Tag in die Werkstatt vom Autohaus Musterfirma nach Nagold fuhr, stand da ein nagelneuer anthrazitfarbener neuer Dauphine in seiner ganzen Schönheit. Das ist ein Auto, dachte ich, und fragte den Händler nach dem Preis. 1800 Mark wollte er dafür,die Reparatur für meinen hätte 1000 Mark gekostet. Ohne lange zu überlegen, packte ich die Gelegenheit beim Schopfe und unterschrieb den Kaufvertrag. Das war eine kurze Reparatur, schoss es mir beim Heimfahren durch den Kopf, und gelohnt hat sie sich auch. Einige Jahre war ich sehr zufrieden mit meinem neuen Dauphine, doch eines kalten Wintermorgens gab er den Geist auf. Er sprang nicht mehr an. Beim Blick unter die Motorhaube sah ich, dass mit der Nockenwelle etwas nicht stimmte.

Zur Arbeit nach Hirsau in die Weinhandlung Musterfirma, wo ich inzwischen als LKW-Fahrer tätig war, konnte ich mit einem Nachbarn fahren. Ich musste an diesem Tag mit meinem LKW zum Kundendienst nach Nagold . Das traf sich gerade richtig. Ohne lange zu fackeln fuhr ich mit dem LKW nach Zainen auf den alten Sportplatz. Dorthin schob ich den Dauphine an eine Böschung und lud ihn rückwärts an die Böschung fahrend auf den LKW. In Nagold lud ich den Dauphine an der Bahnhofsrampe ab, brachte den LKW zum Kundendienst und ging dann zum Autohaus Musterfirma. Die holten mein Auto in die Werkstatt. Herr Mustermann meinte dann zu mir, “Herr Ehrenpreis, das Auto ist kein Auto für Sie, Sie sind ein zu rasanter Fahrer.”

Der Fiat Neckar und der Rennwagen

Er zeigte mir einen Fiat Neckar, der habe einen robusten Motor und sei mit seinen 1100 Kilogramm ziemlich stabil gebaut, meinte er. Mir gefiel das Auto auf Anhieb, also zahlte ich 1500 Mark drauf und ließ den Dauphine da.

Den Neckar fuhr ich bestimmt sieben Jahre, er hatte zum Schluss mehr als 100.000 Kilometer drauf. Sein Ende kündete er mit einem Mordsschlag an. Es war in der “Strumpfkurve” kurz vor Maisenbach. Drei Bolzen hat es von der Kardanwelle abgerissen, einer blieb dran und schlug das Getriebe kaputt. Ein neues Getriebe wollte ich nicht einbauen lassen, also suchte ich nach einem gebrauchten, jedoch vergebens. Irgendwann zerlegte ich das Auto, verkaufte den Motor für 200 Mark, den Rest gab ich dem Schrotthändler.

Mein neues Gefährt war ein Autobianchi , ein wahrer Rennwagen mit Breitreifen und allem Drum und Dran. Ein super Auto, es lief wie eine Eins. Bis zu dem Tag, an dem ich eine Tante und einen Onkel in Moosbrunn bei Ebersbach abgeholt hatte und auf dem Weg zu uns kurz vor Bauschlott stehen blieb. Das Auto hatte plötzlich angefangen zu stottern und sprang dann nicht mehr an. Zwei Kolben im Motor standen, zwei liefen noch, die Kurbelwelle war praktisch in der Mitte durchgebrochen. Melittas Schwester Helga kam mit ihrem VW und schleppte uns ab bis nach Maisenbach-Zainen . Ich suchte eine gebrauchte Kurbelwelle, aber auch da hatte ich kein Glück. So brachte ich auch dieses Auto, nachdem ich bereits den Nachfolger vor der Türe stehen hatte, zum Schrotthändler.

Vom Mercedes 200D bis zum Audi 80

Meine neue Errungenschaft bekam ich von einem Arbeitskollegen. Er sagte, dass er seinen Mercedes 200 D verkaufe. Es war noch das Modell mit den Flossen an der Seite, ein richtiges Schiff. Stolze 7000 Mark wollte er für das Auto, die hatte ich aber nicht. Der Kollege schlug mir deshalb vor, dass ich ihm 3000 Mark anzahle und den Rest so abzahle wie ich es konnte. So machten wir es. Dann hatten wir ein Auto! Mit dem zu fahren war ein Traum.


Die drei Kinder hatten genug Platz und Gepäck passte auch noch jede Menge rein.
Unsere schönste Fahrt mit diesem Auto machten wir nach Mimiza am französischen Atlantik . Wir fuhren mit drei Autos, Melittas Schwester Renate, ein Kumpel von Renate und wir. Tanken musste ich immer nur bei jedem zweiten Mal. Einmal konnte ich immer aussetzen. Es war ein schönes Fahren mit dem Mercedes, aber dann fing der Rost an. Irgendwann habe ich ihn nicht mehr durch den TÜV gebracht, dann verkaufte ich ihn einem Griechen auf dem Automarkt, ich glaube für 3000 Mark.

Bevor ich den Mercedes verkauft hatte, stand schon ein nagelneuer Audi 100 vor unserer Haustüre. Den fuhr ich nicht sehr lange, dann kam ein Audi 90, den 100er gab ich unserer Tochter.

Bevor die Reparaturen kamen, verkaufte ich ihn wieder und kaufte einen Opel Vectra 2000, der eben erst herausgekommen war. Ein Vorführwagen, ein Jahr alt. Es war ein Allrad, ein Quattro mit 150 PS. Aber die Geräusche im Wageninneren haben mich aufgeregt.
Zuerst dachte ich, das käme von den Winterreifen, aber nachdem die Sommerreifen drauf waren, war es genauso. Ein geplanter Italienurlaub war letztlich Anlass dafür, dass wir dieses Auto wieder verkauften.

Wir waren schon einmal im Sommer in Italien und meine Frau litt dort sehr unter der starken Hitze. Melitta sagte deshalb, sie fahre nur dann noch einmal nach Italien, wenn wir eine Klimaanlage im Auto hätten .

Die hatte der Vectra aber nicht. Ein Einbau hätte 3500 Mark gekostet und das Auto hätte eine ganze Woche in die Werkstatt müssen. Dafür kann ich mir gleich ein neues Auto kaufen , dachte ich mir. Melitta wollte wieder einen Audi und so gingen wir nach Weil der Stadt zum Autohaus Weeber. Wir schauten uns um und fanden einen Audi 80 mit einem 2,8 Liter-Motor und 174 PS. Er hatte 26.000 Kilometer, war vier Jahre alt, der Neupreis lag bei 74.000 Mark. Da war alles drin, Telefon, Bordcomputer, alles was man überhaupt in ein Auto einbauen kann. Es war tiefer gelegt und stand da für 27.000 Mark. Melitta war begeistert. „Den nehmen wir” , sagte sie. Zum Fahren war das Auto ein Gedicht, es lief wie eine Rakete, war bequem und komfortabel.
Aber: wenn ich am Steuer saß, konnte man zuschauen, wie die Tanknadel nach unten ging. Das Auto brauchte 18 Liter Sprit. Trotzdem behielten wir es ein paar Jahre, dann wurde es mir einfach zu teuer mit dem Spritverbrauch .

Unser nächstes Auto suchten wir zunächst in Pforzheim, wir hatten schon eines ausgewählt, aber der Autoverkäufer hatte gerade keine Zeit, den Vertrag mit uns aufzusetzen. Er hätte sich die Zeit nehmen sollen, denn nachdem der Verkäufer gemeint hat, wir sollten doch später noch einmal kommen, beschlossen Melitta und ich, uns beim Musterfirma in Weil der Stadt umzuschauen.
Dort stand unser Audi 2,5 Liter, den wir heute noch fahren. Neu hätte er 68.000 gekostet, hier stand er für 49.000 Mark, ein Jahr alt. Er gefiel Melitta ebenso gut wie mir, sodass wir nicht mehr lange überlegen mussten.


Der Audi 100 zum Hochzeitswagen dekoriert
Die Ära Musterfirma

1957 fing ich bei Musterfirma an, meine Zeit dort sollte fast 15 Jahre andauern . Als Hilfsarbeiter habe ich angefangen, danach war ich Gabelstaplerfahrer und zum Schluss Verlademeister. Ich habe immer die Bandbeschickung gefahren, das heißt Materialien transportiert, die man am Band brauchte . Mein Vorgesetzter, Herr Mustermann, war ein ehemaliger Stabsoberst bei der Wehrmacht. So verhielt er sich auch. Er hatte einen Kommando-Ton drauf, der mir gar nicht gefiel. Von Anfang an habe ich ihm beigebracht , dass wir hier nicht beim Kommiss waren .

Ungefähr vier Jahre habe ich Stapler gefahren, dann wurde eine Stelle als Fahrer frei. Ich habe mich darauf gemeldet und wurde als Aushilfsfahrer eingesetzt. Mein erstes Fahrzeug war ein 1,5-Tonner Hanomag. Mit dem fuhr ich zwei Jahre, dann ging der Motor kaputt und das Fahrzeug wurde verschrottet. Daraufhin wurde ich der Spedition Musterfirma als Leihfahrer zugeteilt. Dort fuhr ich einen schönen LKW, einen Büssing, es war ein Gedicht, man konnte dort neben dem Fahren Radio hören und verstand jedes Wort. Im Auftrag von Mustermann fuhr ich auch für den Liebenzeller Sprudel, die meisten Fahrten machte ich aber für Musterfirma, das heißt, ich fuhr Kühlschränke aus. Die Arbeit machte mir großen Spaß, ging aber nur zehn Monate, weil ich höchstens ein Jahr von Musterfirma verliehen werden durfte.

Dann kam ich wieder zurück zu Musterfirma. Dieses Mal als Verlademeister, wobei ich hauptsächlich wieder Stapler fuhr. Die Arbeit dort nahm immer mehr zu, es wurde ein Staplerfahrer eingestellt, sodass ich mich auf die Verladearbeiten konzentrieren konnte . Das Arbeitspensum nahm weiterhin zu und die Nerven wurden immer mehr strapaziert. Da wurden Änderungen eingeführt, die ich meinen Arbeitern nicht noch zusätzlich zumuten konnte.
Mit der gleichen Anzahl von Arbeitern sollten wir plötzlich viel mehr arbeiten als vorher. Das wurde mir zu bunt. Jeden Abend machten wir Überstunden , trotzdem blieb unerledigte Arbeit übrig. Da ging ich zum Versandleiter und sagte ihm unmissverständlich : “Wenn das nicht aufhört, höre ich auf!” Meine Drohung wurde nicht registriert. Also ging ich die Woche drauf ins Büro und reichte meine Kündigung ein.

Von der Firma Musterfirma hatte ich bis dahin schon die Zusage, dass ich jederzeit bei ihnen anfangen könne. Da kam, kurz vor meinem Austritt, der Personalchef Hans Mustermann, mit dem ich gut befreundet war, zu mir und bat mich, doch noch zu bleiben. Er bot mir eine Lohnerhöhung von 200 Mark an. Ich sagte nur : “Ich scheiß’ auf euer Geld!” Mir waren meine Nerven wichtiger. Wenn man nach Hause kommt und die Kinder einem ausweichen, dann konnte das so nicht weitergehen. Ich hatte eine Familie und mit der wollte ich friedlich zusammenleben. Solange die Zustände nicht geändert würden, wollte ich nicht mehr hier arbeiten. Selbst wenn man mir 1000 Mark mehr geboten hätte .

Mein Schädel hält einiges aus

Ich weiß nicht, wie viele Schläge mein Kopf schon abbekommen hat, es waren jedenfalls einige. An einen erinnere ich mich im Zusammenhang mit meiner Zeit bei Musterfirma. Ich war im Lager, sprach mit einem Fahrer und lief währenddessen durch die Halle auf eine Türe zu, die in den anderen Teil der Halle führte. In diesem Teil war aber ein Malergerüst aufgestellt, das Brett genau auf der Höhe meiner Stirn. Ich war nun so mit dem Kollegen beschäftigt, dass ich in vollem Karacho mit der Stirn gegen das Gerüst donnerte, es tat einen Mordsschlag und weil ich so einen Schwung beim Laufen hatte, flog ich nach hinten und schlug mit dem Kopf voran auf dem Boden auf.

Das waren gleich zwei Schläge auf den Kopf, einmal von vorne und einmal von hinten. Einen Schaden trug ich nicht davon. Ich ging zwar gleich zum Sanitäter Mustermann, der schickte mich auch nach Hause und meinte, ich hätte bestimmt eine ordentliche Gehirnerschütterung und werde wohl die nächsten Tage daheim bleiben müssen . Von wegen . Am nächsten Morgen habe ich wieder gearbeitet wie wenn nichts gewesen wäre. Die Narbe auf meiner Stirn rührt auch von einem Schlag gegen den Kopf. Sie stammt aus meiner Kindheit. Ein Mann hatte mich beobachtet, wie ich den Brunnen hinabgestiegen war und dort Spatzennester ausgehoben hatte. Ich kam hoch, schaute gerade über den Rand des Brunnens, da schlug mir der Mann eine auf den Kopf, sodass ich mit der Stirn auf ein am Brunnen befestigtes Eisenteil prallte und mir dabei eine ordentliche Wunde zuzog.

Die beiden Brüder kommen

Im Jahr 1972 bekam ich einen Brief von meinem ältesten Bruder Linus, in dem er mich bat, vier Visa für ihn und seine Familie zu beantragen . Ich hatte ihm schon öfter angeboten , dass er nach Deutschland kommen solle, aber er hatte Bedenken, weil er im Krieg bei der SS war und fürchtete, dass man ihn dafür, sobald er deutschen Boden betrete, zur Verantwortung ziehen könne. Inzwischen wusste er aber schon von einigen anderen deutschstämmigen ehemaligen SS­ Soldaten, die unbehelligt in der Bundesrepublik leben konnten .

Ich stellte sofort einen entsprechenden Antrag und schon Anfang des Jahres 1973 kam mein Bruder Linus mit seiner Familie nach Deutschland . Sie zogen bald darauf nach Rastatt, wo sie heute noch leben. Nur kurze Zeit später bat Emanuel darum, auch für ihn und seine Frau Valentina die entsprechenden Visa zu beantragen . Sie kamen 1974 und zogen auch nach Rastatt. Emanuel ist im Jahr 2003 gestorben, er war 76 Jahre alt.
Michael, mein jüngster Bruder, verblieb in Uchda . Er ist verheiratet mit einer Einheimischen. Wir halten so gut es geht Kontakt zueinander, aber es ist nicht so einfach wie hier, wo man nur zum Telefonhörer greifen muss.

Mein neuer Chef, Herr Mustermann

Ich arbeitete noch bei Musterfirma, als eines Tages mein Kumpel Gerhard Mustermann mit einem Mann auf mich zukam . “Der kann Russisch”, stellte er mich dem fremden vor, worauf der auf Russisch nachfragte, ob das stimme. Ich antwortete, ebenfalls auf Russisch, “ein bisschen”.

“Ha”, meinte der Fremde, das war aber ein sauberes, “ein bisschen’!” Er war gleich per du mit mir, zeigte auf den gelben Mercedes, mit dem er vorgefahren war, und meinte: “Da steht das Auto, mit dem wirst du fahren. Wenn du zu mir kommst, bist du mein Fahrer und gleichzeitig Dolmetscher. Wir arbeiten mit deutschen und russischen Firmen zusammen”. “No langsam”, erwiderte ich, “so schnell geht’s dann auch nicht”. Immerhin hatte ich einen sicheren Arbeitsplatz, beim Chef war ich beliebt. Das müsse ich mir erst noch überlegen, erwiderte ich. Es habe keine Eile, meinte der Mann, er werde jetzt sowieso für vier Wochen nach Moskau reisen.

Ich holte Erkundigungen über die Firma Musterfirma in Schömberg ein und erfuhr, dass sie im Import und Export mit holzbearbeitenden Maschinen tätig war und die Geschäfte wohl sehr gut liefen.

Wir fuhren erst einmal in Urlaub, danach wollte ich Mustermann Bescheid geben. Nach Mustermann seiner Rückkehr aus Moskau trafen wir uns noch einmal. Einen Monat später,es war im September 1976, unterschrieb ich bereits den Arbeitsvertrag. Ich komme mit jedem aus, dachte ich mir, und arbeiten kann ich auch. Eine Meinungsverschiedenheit gab es noch bei den Lohnverhandlungen . Mustermann sein Prokurist bot mir einen lächerlich geringen Lohn an. “Dafür arbeite ich nicht!”, sagte ich ihm ins Gesicht und hatte schon den Türgriff in der Hand. Da kam Mustermann hinzu und meinte, ich solle unterschreiben, er gebe mir bar auf die Hand noch 400 Mark dazu, außerdem seien alle Mitarbeiter an dem Gewinn beteiligt . Das war ein Wort, zumal ich wusste, dass der Gewinn ganz ordentlich ausfiel.

Ich war nun also Mustermanns Fahrer, Dolmetscher und Hausmeister. Meine erste Fahrt ging auf den Flughafen nach Frankfurt. 
Mustermann stellte dabei zufrieden fest dass ich ja noch schneller fahre als er, das gefiel ihm . Als ich ihn nach zwei Wochen wieder vom Flughafen abholte, drückte er mir gleich 1000 Mark in die Hand. Er habe ein gutes Geschäft abgeschlossen und da wir Mitarbeiter alle am Gewinn beteiligt seien, stünden mir die 1000 Mark zu.

Die Firma hatte öfters Besuch von russischen Geschäftspartnern. Natürlich saß man da abends zusammen und hat ordentlich einen getrunken und als Mustermanns Fahrer war ich immer dabei. Einmal waren wir in einem Striptease-Lokal in Stuttgart. Mustermanns Prokurist hatte nachts um zwei Uhr genug. Er drückte mir 500 Mark in die Hand und ging auf sein Hotelzimmer. Mit dem Geld sollte ich die Herren aushalten und ihnen eine Nutte besorgen. Ich ging mit ihnen in das Drei-Farben-Haus , verhandelte mit den Frauen, da waren die Russen plötzlich verschwunden. Sie standen auf der Straße und warteten auf mich. Auf Nutten hätten sie keine Lust, meinten sie. Auch recht, dachte ich. Die Russen gingen auf ihre Zimmer, ich hatte auch eines, aber ich kam dort nicht zur Ruhe. Aufgedreht wie ich war, setzte ich mich noch ins Auto und fuhr nach Hause. Am nächsten Morgen stand ich topfit um acht Uhr wieder auf der Matte. Damals konnte ich eine durchgemachte Nacht wegstecken wie nichts.


Mustermann hat immer wieder gesagt: „Mit dir habe ich einen guten Fang gemacht. Da hätte ich drei Männer einstellen können, die hätten nicht so gut gearbeitet wie du” Ich war ja nicht nur Dolmetscher und Fahrer. Wenn Mustermann bei deutschen Firmen Maschinen für Russland gekauft hatte und diese Maschinen bei uns ankamen, habe ich sie zum Transport nach Russland fertiggemacht. Ich achtete darauf, dass die Transportkisten nach Maß angefertigt wurden, sodass möglichst viele in einen LKW passten. Als ehemaliger Staplerfahrer hatte ich den Dreh natürlich raus.

Auch Mustermanns Garten in Schömberg versorgte ich. Er hatte ein sehr großes Grundstück, auf dem er ursprünglich Pferde züchten wollte. Aber daraus ist nichts geworden. Die Firma ging vorher bankrott. 
Österreichische Vertragspartner hatten nicht bezahlt, was Mustermann auf einen Schlag zwei Millionen Mark kostete . Davon erholte er sich nie mehr richtig. Auch andere Dinge sind dazwischengekommen, wie zum Beispiel ein Streit von Mustermann mit dem Prokuristen. Der ging dann zwar, aber Mustermann musste ihm eine hohe Abfindung bezahlen . Ein anderer Prokurist hatte in die eigene Tasche gewirtschaftet. Dann kam noch die Scheidung von seiner Frau, einer Russin , hinzu, sodass Mustermann schließlich 1988 Insolvenz beantragen musste.

Sämtlichen Mitarbeitern wurde gekündigt, wir waren von jetzt auf nachher arbeitslos. Ich wurde aber gleich wieder eingestellt. Mustermann ließ die Firma einfach auf den Namen seines Sohnes weiterlaufen. Mustermann war weiterhin damit beschäftigt, Verträge mit russischen Firmen abzuschließen. Er pendelte immer zwischen Moskau und Schömberg. Später gründete er zusammen mit drei Russen eine GmbH. Mustermann selbst erschien dort nicht als Teilhaber, aber er war es, der die Geschäfte zustande brachte. Die Firma nannte sich “Musterfirma”. Sie war zuständig für den Transport von Holz, das von Sibirien kam , und nach Bad Wildbad geliefert wurde. Die Geschäfte liefen ganz gut.

Abschied vom Berufsleben

Im Jahr 1992 habe ich um meine Entlassung gebeten . Ich wollte den Hausbau meiner Tochter Heike in Angriff nehmen, aber dazu brauchte ich Zeit. Das habe ich so Herrn Mustermann auch gesagt. Er kannte Heike, sie arbeitete schon seit einiger Zeit auch bei ihm. Mustermann war nicht begeistert , er wollte immer, dass wir beide gleichzeitig in Ruhestand gehen, “wir beide sind fast gleich alt, wir gehen auch zusammen in den Ruhestand” , hat er immer getönt. Aber ich ließ nicht locker. Die Firma gab schließlich ihren Segen, der Heike zuliebe haben sie gesagt. Ich gab meine Arbeit auf und bekam nach wenigen Monaten , pünktlich nach Ablauf meines 63. Lebensjahres , im November 1992 meine Rente.

Ich war schon ein paar Wochen im Ruhestand , da kam Mustermann zu mir und lud mich und meine Frau zu einer Nachfeier des 15 Jährigen Firmenjubiläums in die Kapfenhardter Mühle ein, bei dem die Sekretärin, Helga Musterfrau, und ich offiziell verabschiedet werden sollten. Im Laufe der Feier übergab uns Mustermann ein Kuvert und meinte, wir sollten gut darauf aufpassen. Zu Hause angekommen , zog Melitta einen xxx er aus dem Kuvert, dann noch einen und noch einen, zum Schluss hielten wir xxxx Mark in der Hand . Ich freute mich über diese Anerkennung meiner Arbeit. Frau Musterfrau bekam den selben Betrag, auch sie war Mustermann eine große Stütze.

Mit Mustermann ging es danach den Bach runter. Ein Gesellschafter verliebte sich in Mustermanns Frau, die beiden taten sich zusammen und drängten Mustermann aus der Firma. Mustermann gründete daraufhin eine eigene Firma, war aber damals schon 63 Jahre. Die Firma konnte nie richtig Fuß fassen. Auch die Firma „Musterfirma” ging nur kurze Zeit später bankrott.

Hausbau für Heike

Mit dem Eintritt ins Rentnerdasein begann eine neue Bau-Phase . Dieses Mal war es das Haus der Schwiegereltern, genauer gesagt, Stall und Scheune des Hauses, welches für Heike hergerichtet werden sollte. Zunächst einmal musste das alte Zeug alles abgerissen, sortiert und entsorgt werden. Die Mauer zum Michel hätte laut Vorgaben vom Bauamt stehen bleiben sollen. Wir hätten sie untergraben sollen, ein Fundament legen und dann erst die Wand abreißen. Als der Mustermann von Würzbach mit dem Bagger angerückt war, sagte der, die Mauer könne nicht stehen bleiben, das ginge bautechnisch nicht. Ich rief daraufhin auf dem Landratsamt an und fragte, was ich tun solle. Beim Landratsamt sagte man mir, ich könne die Mauer ruhig abreißen, sie komme ja sowieso weg. Wir baggerten das Fundament aus, die Wand stürzte zusammen, alles wurde aufgeladen und abtransportiert, dann legten wir ein neues Fundament. Die Decke war bereits eingezogen, wir mauerten die Wände hoch, da kam ein Kontrolleur, sah, dass die Mauer abgerissen war, und verhängte einen sofortigen Baustopp. Da standen wir nun.

Eines Tages kamen sie zu dritt vom Bauamt. Ich fuhr sie an, ob bei ihnen eigentlich der eine wisse, was der andere mache. Ich erklärte den Herren, dass ich mit dem Landratsamt telefoniert und die Erlaubnis zum Abriss der Mauer bekommen hätte. Aber leider nur mündlich . Es ging eine Weile hin und her um diese blöde Mauer, die überhaupt nicht zu gebrauchen war, weil sie aus vier verschiedenen Steinarten gebaut und längst hinfällig war. Der Gipfel aber war, dass sie meinten, nachdem ich mich darüber beschwerte, dass wir wegen dem Baustopp schon seit zwei Tagen nicht mehr arbeiten könnten, wir hätten ja woanders weitermachen können, bloß halt nicht an dieser Mauer.

Jedenfalls konnten wir dann weiterarbeiten . In der Zeit, als wir gerade die zweite Decke einzogen, lief ich mit einem Stein in der Hand über einen Träger. Der war jedoch noch ganz frisch und brach ein. Ich stürzte samt dem Träger herunter, der Stein landete direkt auf meinen Fuß. Dann war erst einmal Pause. Ich humpelte noch eine Weile auf dem Bau herum, aber dann schwoll der Fuß an und begann zu schmerzen. Im Krankenhaus sagte man mir, dass der Fuß operiert werden müsse. Wie ich später von einem Arzt erfahren habe, wäre die Operation gar nicht notwendig gewesen. Auf dem Bau musste es dann halt eine Weile ohne mich gehen . In der Zeit des Hausbaus kam Mustermann immer wieder bei uns vorbei und erkundigte sich nach dem Stand der Dinge. Einmal kam er und hatte einen Mann bei sich. “Du stellst Kost und Logis, den Lohn bezahle ich” , meinte er zu mir. Sascha arbeitete sechs Wochen bei uns auf dem Bau, jeden Tag stand er da.

So machte der Bau langsam Fortschritte . Bis der letzte Ziegel oben war und der Innenausbau losging, alles haben Michael, mein Schwiegersohn, und ich selbst gemacht. Und ich hatte auf diese Weise auch als Rentner eine Beschäftigung.Eine weitere Beschäftigung kam hinzu , nachdem sich mein Nachbar, Hermann Mustermann, die Finger abgehackt hatte. Er konnte nun nicht mehr, wie bisher, nach dem Rechten schauen in Maisenbach-Zainen . Da kam der damalige Bürgermeister Fritz Mustermann auf mich zu und fragte, ob ich den Posten übernehmen wolle.
Ich ließ mich breitschlagen . Dieses Amt übe ich bis auf den heutigen Tag aus.

Olympiade in Moskau 1980

Gutmütig wie unser Chef war, lud er uns alle zur Olympiade nach Moskau ein. Alles frei, sagte er, Flug, Essen Logis, alles bezahlte er uns. Melitta und ich nahmen das Angebot gerne an und flogen nach Moskau . Es war dort wunderschön. Wir ließen es uns gut gehen wie selten vorher. Der Service war perfekt, die russischen Kellner sehr zuvorkommend. Mustermann hatte uns ein Taxi zur Verfügung gestellt, der Fahrer brachte uns, wohin wir wollten. Bis ich entdeckte, dass überall Metro-Stationen waren. Warum sollte der Taxifahrer überall, wo wir waren, warten, bis wir wiederkamen?

Er sollte uns ab sofort nur noch hinfahren und zurück fuhren wir mit der Metro . Wenn ich geahnt hätte, wie schön die Metro-Stationen in Moskau sind. Man kann es sich kaum vorstellen, aber da war wirklich jede Station ein Kunstwerk für sich. Mit fünf Kopeken konnte man innerhalb von Moskau fahren, wohin man wollte . Wir haben das natürlich genutzt, um die vielen schönen Stationen zu bewundern . Jede Station war aus Marmor, darin eingearbeitet wunderschöne Mosaike und Skulpturen . Neun Tage lang ließen wir es uns wirklich gut gehen, dann flogen wir wieder zurück. Danach flogen Ute und ihr Mann nach Moskau .

Mit dem Auto nach Moskau

Im Jahr 1985 gab mir Mustermann den Auftrag, ein neues Auto nach Moskau zu überführen . Mustermann hatte immer ein Auto in Moskau, das bisherige sollte nun durch ein neues ersetzt werden und ich sollte es abliefern. Melitta begleitete mich. Wir fuhren über die DDR-Grenze und dann durch Polen. Die Übernachtungsgelegenheiten waren vor­ gegeben . Wir schafften es aber schon am ersten Tag nicht soweit, weil wir an der Grenze von Polen nach Russland sage und schreibe 13 Stunden festsaßen , an der Grenze zur DDR waren es „nur” drei Stunden und an der Grenze von Polen nach Russland standen wir ungefähr zwei Stunden. Mit Abstand am schlimmsten war es an der polnisch-russischen Grenze. Stundenlang fragten sie uns immer dasselbe. “Was ist mit dem Auto?” Sie warteten vermutlich , bis man sich verplappert. Hundertmal erklärte ich ihnen, dass ich das Auto nach Moskau fahre und dort meinem Chef übergebe. Irgendwann ließen sie uns fahren. Wir kamen nach Moskau ins Hotel, es war recht nobel. Das Auto stellte ich neben einen Mann von der Miliz, sagte ihm, dass es mir gehöre und gab ihm eine Feinstrumpfhose für seine Frau. Der hat sich gefreut wie ein Schneekönig. Feinstrumpfhosen waren etwas ganz Besonderes, das gab es im Osten damals noch nicht.

Melitta und ich konnten wieder ein paar Tage in Moskau verbringen. Einmal besuchten wir ein Museum .Ich musste aufs Örtchen und fand in einem Hof mindestens 20 Holzkabüffchen. Es waren Bretterverschläge , in deren Innerem ein Loch in die Erde gegraben und ein Brett mit einem ausgeschnitten Loch darüber gelegt war. Ich betrat eine dieser Buden und floh gleich wieder raus. In der nächsten lagen die Haufen bis vor zur Türe, bei den anderen war es genauso. In keine Hütte konnte ich reinstehen, ohne in der Scheiße zu landen. Beim letzten angekommen, hatte ich genug, ich stellte mich einfach an die Türe und schiffte über die Häufen hinweg. So eine Sauerei habe ich noch nie gesehen. Ich verstehe heute noch nicht, wie man in einer so schönen Ausstellung solche Drecklöcher als Toiletten anbieten konnte!

Wir haben uns so viel wie möglich angeschaut. Einmal waren wir auch in einer deutschsprachigen Theatervorstellung . Die war aber so miserabel, dass wir nach dem zweiten Akt wieder rausgingen . In einem gegenüberliegenden Hotel-Restaurant hat man uns schon von weitem reingewunken . Man sah uns wohl an, dass wir Devisen hatten. Russen ließen sie keine rein. In den Geschäften ging es genauso zu. Ich ging einmal in ein Geschäft und wollte eine Jeans kaufen. Beim Betreten des Geschäftes wurde ich gleich darauf hingewiesen, dass man hier nur mit Devisen, nicht mit Rubel bezahlen könne. “Kein Problem”, sagte ich, aber die Verkäuferin nahm mir das nicht ab, ich sprach ihr zu perfekt Russisch. Erst als ich ihr meinen Geldbeutel unter die Nase hielt, glaubte sie mir. “Ich dachte, Sie seien ein Russe”, entschuldigte sie sich gleich mehrmals . “Nein”, sagte ich, „ich bin kein Russe, ich kann bloß Russisch.” Die Zustände waren schlimm. Die Russen standen draußen. Wenn sie einen Ausländer vorbeigehen sahen, sprachen sie ihn an und baten ihn, für sie etwas zu kaufen. Ich tat ihnen öfter den Gefallen, ging in das Geschäft, kaufte das Gewünschte und gab es den Bittstellern .Die gaben mir den dreifachen Betrag in Rubel zurück.

Dann traten wir mit dem alten Auto des Chefs die Heimreise an. An der DDR-Grenze waren wir etwas zu früh. Die Einreiseerlaubnis galt erst für den nächsten Tag, also erst ab 24 Uhr. Wir waren aber schon drei Stunden vorher da. Die Grenzsoldaten meinten, wir sollten nach West-Berlin fahren, dort übernachten und am nächsten Morgen die Grenze passieren. Ich saß auf dem Beifahrersitz und sagte mir nur: .Kein Wort, sag bloß nichts!” Hätte ich losgelegt, ich hätte sie umbringen können! Sie hielten uns bald eine Stunde hin. Melitta versuchte es immer wieder auf die freundliche Art – und hatte schließlich Glück damit. „Wir machen eine Ausnahme”, ließen sie uns wissen und erteilten uns die Einreiseerlaubnis. Dann fuhren wir weiter zu meinem Onkel. Fast 30 Jahre nachdem ich getürmt war, befand ich mich nun zum ersten Mal wieder in der DDR.

Es war ja in der DDR Pflicht, dass man sich als Ausländer in der Stadt, in der man sich aufhielt, anmelden und pro Person 300 Mark wechseln musste. Das war ein Drama! Man macht sich kein Bild, was das für eine Wirtschaft war, wie dort die Leute schikaniert wurden . Die eine Schlange stand erst einmal für das Formular an. Hatte man das, musste man sich an der nächsten Schlange anstellen, um das Formular ausgefüllt zu bekommen. Dann ging es weiter zur Kasse, wo man schließlich einen Stempel in den Ausweis bekam und das Geld. Natürlich wies man uns noch darauf hin, dass wir pünktlich ausreisen müssten, sonst gebe es Ärger an der Grenze. Nach dieser Prozedur wollten wir etwas essen gehen. Wir betraten ein Restaurant. Ich sah, dass gerade ein Tisch frei wurde, ging darauf zu und half meinem Onkel und seiner Frau, sich zu setzen. Mein Onkel war mit seinen 88 Jahren ein alter Mann. Da kam ein erboster Kellner daher und raunzte uns an: “Was erlauben Sie sich, Sie können doch nicht einfach so an diesem Tisch Platz nehmen ?” Ich dachte, jetzt geht’s los. “Wir sind hier doch in einem Restaurant , erwiderte ich.” “Ja “, belehrte mich mein Gegenüber, aber Sie müssen zuerst fragen!” Ich zeigte auf meinen Onkel und erklärte, dass dieser Mann kaum gehen könne. Die Leute an den Nebentischen grinsten schon, als der Kellner uns doch tatsächlich aufforderte, wieder aufzustehen und am Eingang zu warten, bis er uns rufe. “Kommt gar nicht in Frage”, sagte ich, die zwei bleiben hier sitzen und wenn Sie sich auf den Kopf stellen !” Er musste sich geschlagen geben. Meine Frau und ich standen dann artig wieder auf und warteten bis er uns wieder am Tisch Platz nehmen ließ.

“Dankeschön , der Herr, dankeschön , dass wir Platz nehmen dürfen, vielen, vielen Dank,” rief ich durch das ganze Lokal. Meine Frau stieß mich in die Seite und meinte, ich solle den armen Mann doch nicht so provozieren. Der Kellner kam später noch einmal an unseren Tisch und erklärte uns, dass er so vorgehen müsse, er dürfe nicht anders. Wir ließen uns das Essen schmecken, es war ganz gut und vor allem spottbillig. Trinkgeld bekam der gute Mann von mir allerdings keinen Pfennig. Meine Frau meinte, ich solle nicht so nachtragend sein und dem Mann ein Trinkgeld geben. “Nix da”, sagte ich, “wer sich so aufführt, bekommt von mir keinen Pfennig geschenkt!”

Nach unserem Zwischenstopp in Halle fuhren wir wieder Richtung Heimat. Auf der Autobahn in Höhe von Bayreuth gab es plötzlich einen Schlag und der Reifen war geplatzt. Ich hatte Glück, dass ein relativ neuer Ersatzreifen im Auto war, den montierte ich drauf und dann konnten wir endlich ohne weiteren Zwischenfall bis nach Hause fahren .

Die zweite Fahrt nach Moskau 1989

Im Jahr 1989 hieß es wieder, Autos nach Moskau überführen . Dieses Mal hatten wir zwei Autos, einen Mercedes für den Chef und einen Lada für einen Kumpel von mir, der in Moskau lebte. Im Mercedes fuhren Melitta und ich, am Steuer des Ladas saß Slava, ein Freund von mir. Unsere erste Übernachtung planten wir wieder bei meinem Onkel in Halle ein. Dort angekommen hat uns aber schier der Schlag getroffen. Die beiden lagen vollkommen verwahrlost auf der Couch im Wohnzimmer, ein Mief da drin, dass ich am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht hätte. Melitta überlegte nicht lange und machte sich an die Arbeit. Zuerst haben wir alle Fenster aufgerissen und gründlich durchgelüftet. Nachdem wir ihre Betten frisch gemacht hatten, richteten wir uns ein Bett für die Nacht und waren froh, dass wir unser Essen mitgebracht hatten. Slava hatte schon gleich nachdem wir das Haus betreten hatten, Reißaus genommen und die Nacht im Auto verbracht. Am nächsten Morgen haben wir zusammen mit den alten Leuten gefrühstückt, dann ging unsere Reise weiter. Es war gerade der Tag, an dem die DDR-Mark in Westmark umgewechselt werden konnte . Die Straßen waren wie leergefegt, kein Mensch war zu sehen, alle waren auf den Banken.

In Russland standen alle hundert Kilometer Polizeihäuschen . Als ich auf ein solches Häuschen mit 150/160 Sachen zuraste, wollte mich ein Polizist stoppen. Ich fuhr aber mit vollem Karacho an dem Mann vorbei. Slava kam hinter mir, er hielt bei dem Polizisten an und steckte ihm ein paar Geldscheine zu. Zu mir sagte er, das dürfe ich nicht noch einmal machen . Die Polizisten verständigten sich über Telefon mit dem nächsten Polizeihäuschen und dort wäre ich dann in den “Igel” reingefahren, eine Vorrichtung, die vier platte Reifen zur Folge gehabt hätte. Das wusste ich natürlich nicht.

Wir mussten noch einmal übernachten und kamen am nächsten Tag dann schließlich in Moskau an. Dort meldeten wir uns gleich im Büro von Herrn Mustermann , er meinte, wir sollten gleich raus fahren auf die Datscha. Slava fuhr mit dem Lada voraus, es kam eine scharfe Rechtskurve, in der ein Polizeihäuschen stand . Slava raste daran vorbei, die Polizisten sahen das deutsche Kennzeichen , stürzten heraus, dann sahen sie mich mit dem ebenfalls deutschen Kennzeichen und streckten die Kelle raus, um mich anzuhalten. Ich dachte aber nicht im Traum daran zu bremsen, sondern trat erst recht auf’s Gaspedal. Im Rückspiegel sah ich noch, dass der Polizist zur Seite gesprungen war, sonst wäre ich ihm mit den Hinterreifen über die Füße gefahren.

Wir kamen auf der Datscha an, da kam schon einer aus der Datscha gesprungen: “Schnell rein !” Das Tor war schon auf, “los rein!”, rief er ziemlich nervös. Wir waren kaum drin, das Tor wieder zu, da hörten wir auch schon die Polizei heranfahren . Sie fuhren Gott sei Dank vorbei. Nachher hat man uns erklärt, dass Mustermann einen von ihm geschmierten Mann bei der Polizei sitzen hatte. Der hatte, gleich nachdem seine Kollegen die Verfolgung aufgenommen hatten, auf Mustermanns Datscha angerufen und gemeint, die beiden deutschen Autos seien auf dem Weg, würden aber von der Polizei verfolgt, wir sollten uns sputen und die Autos in der Garage verschwinden lassen.

Bei der Verwandtschaft im Kaukasus

Mit Mustermann war ausgemacht, dass wir in der Datscha übernachten und Melitta und ich am nächsten Tag zu meiner Kusine nach Nalcik im Kaukasus fliegen. Für unsere Reise drückte er mir noch Bares in die Hand. Er hatte in eine Tüte gegriffen, einen Bündel Scheine rausgenommen, ich weiß nicht, ob er wusste, wie viel er rausnahm, das Bündel in eine andere Tüte gesteckt und mir gegeben. Ich solle mich bei meiner Verwandtschaft nicht lumpen lassen, meinte er. Etwas kaufen konnte ich von dem Geld nicht, es gab ja nichts. Ich konnte es also nur meiner Verwandtschaft schenken, was ich auch tat. Jedem von meinen Verwandten, die da waren, gab ich 1000 Rubel, dann hatte ich für mich immer noch 1000 übrig.

Ich hatte meine Verwandten nicht angerufen, dass sie uns vom Flugplatz abholen sollten, ich dachte, wir nehmen besser ein Taxi. Aber bis wir ein Taxi gefunden haben, das bereit war, die Strecke zu meinen Verwandten zu fahren, dauerte es eine Weile. Nachdem wir losgefahren waren, wussten wir, warum die anderen nicht fahren wollten. Die Strecke war eine Katastrophe.
Wenn man einem Loch ausgewichen war, fuhr man in zwei andere rein, so ungefähr. Unserem Fahrer machte das nichts, er fuhr die Strecke, als ob es das Normalste auf der Welt wäre. Ich bedankte mich dafür mit einem ordentlichen Trinkgeld.

Wir kamen an das Haus meiner Kusine. “Lina”, rief ich, “willst du nicht mal aufhören zu arbeiten?” Sie schaute hoch, kam näher und meinte: “Mein Gott, Hans!” Seit unserem letzten Wiedersehen waren 45 Jahre vergangen. Man kann sich vorstellen , was das für eine herzliche Begrüßung war. Am Abend saßen wir mit der ganzen Verwandtschaft zusammen, die Töchter waren gekommen, die Enkelkinder. Nur eine fehlte. Im vorherigen Jahr war Linas Tochter, der ich sehr nahe stand, mit ihrem Mann bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Sie hinterließen zwei Kinder. Wir haben uns immer geschrieben. Nachdem ich von ihrem Tod erfuhr, wollte ich nur noch an ihr Grab. Sie war so schön wie ihre Oma, die Schwester meiner Mutter. Diese Frau war eine Zier, mit langem dunklen Haar und schwarzen Augen. Ich habe ihr öfter über das Rote Kreuz Pakete geschickt. Und sie hat sich immer so sehr darüber gefreut. Nun wusste ich auch, warum sie mir schon so lange keinen Brief mehr geschrieben hatte.

Erst nach meinem Besuch auf dem Friedhof konnte ich das Wiedersehen mit der Verwandtschaft: feiern. Wir waren trotzdem sehr ausgelassen und haben uns gefreut, endlich wieder beisammen zu sein. Am nächsten Morgen nahmen wir ein kräftiges Frühstuck zu uns, da stand plötzlich ein Mann am Zaun. “Hans!”, rief er, ich kannte ihn nicht. Er sei einer von vier Männern einer Delegation aus Nalcik gewesen, die als Geschäftspartner zu Mustermann nach Deutschland gekommen waren, um sich dort bei verschiedenen Firmen Einblick zu verschaffen. Dann war mir alles klar. Ich hatte mich damals um die vier Männer gekümmert und sie in der Gegend herumgeführt. Ein Kumpel von mir, mit dem ich in Moskau zusammengetroffen war, hatte ihm angerufen und gesagt, dass ich nach Nalcik komme und ihm auch die Adresse meiner Kusine durchgegeben.

Und ich hatte mich noch gewundert, warum er unbedingt meine Adresse in Nalcik haben wollte. Nun wusste ich es. Sergei, so hieß der Mann, der am Zaun stand, war Direktor einer Möbelfabrik in Nalcik . Er bot mir seine Hilfe an. Wenn ich etwas brauche, solle ich nur anrufen oder noch besser, in seiner Fabrik vorbeikommen , er werde mir alles besorgen.
Nun war es auch in Russland so, dass man sich als Fremder immer anmelden musste und das, sagte meine Kusine, dauere immer sehr lange. “Mach dir da mal keine Sorgen”, beruhigte ich Lina, “ich kenne doch den Direktor!” So nahm ich die Anmeldung zum Anlass für einen Besuch in Sergeis Fabrik. Am Empfang wollte man mich nicht zu ihm vorlassen, der Direktor sei in einer wichtigen Besprechung, hieß es. Ich bat darum, bei ihm anzurufen und nur zu sagen ,.Hans ist da”. Der Mann hatte noch kaum den Hörer aufgelegt, da stand schon Sergei vor uns, er hatte alles stehen und liegen lassen und führte uns sofort nach oben in sein Büro. Ich bat ihn darum, sich dieser Anmeldeprozedur anzunehmen . “Kein Problem”, meinte er, nahm den Telefonhörer und ließ einen Fahrer rufen. Der brachte uns auf die Anmeldestelle, wir gingen durch einen separaten Eingang direkt vor zum Schalter und bekamen dort einen Stempel. Schon waren wir fertig.

Am nächsten Tag jährte sich der Todestag der Tochter meiner Kusine. Im Kaukasus ist es Brauch, dass man an diesem Tag jeden auf der Straße einlädt zum Essen. Am Tag vorher waren wir bei den Nachbarn meiner Kusine eingeladen. Ich hatte Lina die 1000 Rubel gegeben und ihr gesagt, sie solle davon zu essen kaufen, so viel sie brauche, um ihre Gäste fürstlich zu bewirten.


Wir machten jeden Tag einen Ausflug, immer irgendwo anders hin zu jemandem aus der Verwandtschaft. Der Mercedes, mit dem ich dieses Mal nach Moskau gefahren war, war für Michail bestimmt, den Besitzer einer 200 Hektar großen Gärtnerei. Michails Bruder fuhr Melitta und mich auf den Flughafen nach Minwoda, von wo aus wir nach Moskau flogen, um den zweiten Teil unserer Reise anzutreten. Nach zwei Tagen, die wir in Moskau verbrachten, holte uns Alexej Mustermann ab nach Kostroma, das direkt an der Wolga liegt. Wir wohnten dort acht Tage im Hotel.

Jeden Tag machten wir Ausflüge. Einer führte uns zum Beispiel zum Kloster Sagorsk. Es war ein ganzes Klosterviertel mit wunderbaren Kirchenbauten , eine Kuppel schöner als die andere und was es da alles an Gold und Schätzen zu sehen gab, so etwas habe ich noch nie gesehen.Einmal fuhren wir mit Alexej an den Kostroma-See .
Alexej hatte schon um vier Uhr früh einen Mann losgeschickt zum Steine aufheizen . Er machte in einer Grube, in der riesige Steine aufgetürmt waren, ein großes Feuer. Das brannte den ganzen Tag über. Und wenn wir dann abends kamen, mussten wir uns nur noch in ein aufgestelltes Zelt setzen, um uns so richtig auszuschwitzen .

Alexej, sein Freund Andrei und ich waren auch mit dem Boot öfters zum Fischen unterwegs .Wir warfen die Netze aus, fuhren mit dem Boot zurück an Land und hatten einen ganzen Schwarm Fische im Netz. Die Ausbeute war sehr zufriedenstellend , und so haben wir am Abend die Fische auf ganz besondere Art zubereitet. Sie waren in einem großen Kessel, der unten angefüllt war mit Sägemehl, darüber war ein Rost angebracht. Darauf legten wir die Fische. Das Holz unter dem Topf wurde angezündet, fing an zu rauchen, und so wurden die Fische geräuchert und gegart.

Ein paar Fische und die Köpfe kamen in eine mit Wasser angefüllte Mulde rein und daraus wurde eine herrliche Fischsuppe gekocht.
Jeanette, die Frau von Andrej und Luba, die Frau von Alexej, hatten eigens für dieses Essen Kräuter im Wald gesammelt, die sie in dem Sud mitkochten. Als der fertig war, wurde er abgesiebt und dann gegessen. Ich habe noch nie eine so köstliche Fischsuppe gegessen. Die Erinnerung an diese abendlichen Feste werden Melitta und ich nie vergessen. Aus ihnen sind sehr gute Freundschaften entstanden, die bis heute bestehen.

Die dritte Fahrt nach Moskau

Die dritte Fahrt nach Moskau ging wieder mit zwei Fahrzeugen. Rainer, ein Kollege, fuhr einen Mitsubishi mit Anhänger, auf dem ein Scorpio transportiert wurde, ich einen Fordbus. Melitta wollte dieses Mal nicht mehr mit. An der polnisch-russischen Grenze standen wir sage und schreibe 40 Stunden. Nach der Grenze hatte uns Mustermann einen Fahrer geschickt, der sich beim Fahren mit uns abwechseln sollte bis nach Moskau. Ich wollte eigentlich gar nicht auf den Beifahrersitz .Wir hatten ein paar Stunden geschlafen, ich fühlte mich ganz fit. Der Fahrer meinte aber, er wolle fahren. Also gut, dann ließ ich ihn eben und legte mich bei Rainer hinten rein zum Schlafen. Rainer und ich fuhren voraus. Irgendwann in der Nacht fiel mir auf , dass hinter uns kein Fahrzeug mehr war. Also hielten wir an und warteten. Wir standen bestimmt eine halbe Stunde, fassten dann aber den Entschluss, zurückzufahren, irgendetwas musste passiert sein. Nach nur zwei, drei Kilometer sahen wir ihn am Straßenrand stehen mit ein paar Männern, die sich am Auto zu schaffen machten.Was denn los sei, fragten wir ihn, da meinte er, er habe, weil er gedacht habe, das Benzin reiche nicht, Benzin nachgeschüttet. “Benzin nachgeschüttet ?”, fragten wir ungläubig. Den Kanister hatten wir im Auto. Er zeigte uns auf einen Kanister, in dem 20 Liter Batteriesäure drin waren!

Wir hatten leere Batterien dabei, die Säure separat, die wir nach Moskau bringen sollten. Nun war die Säure aber im Benzintank. Was also tun? Wir wollten die Säure einfach ablassen und machten dazu den Ablaufstutzen auf. Natürlich wussten wir nicht, dass die Säure schäumt, jedenfalls konnten wir sie so nicht auffangen . Wir ließen sie einfach auf den Grünstreifen ablaufen und damit wir wieder an den Tankstutzen herankamen, schoben wir das Auto von der Stelle. Das ging ungefähr 30 Meter, dann war die Säure draußen. Jetzt gossen wir Benzin nach und hofften, dass das Auto wieder anspringt. Es funktionierte natürlich nicht. Irgendetwas war verätzt, das Auto lief nicht mehr an. Da half nur noch abschleppen .

Ein Abschleppseil hatten wir nicht bei uns, aber bei den Russen wird ja immer improvisiert. Einer der russischen Helfer holte zwei Fallschirmleinen von seinem LKW. Wir nahmen kurzentschlossen den Scorpio vom Hänger und setzten ihn, natürlich ohne Kennzeichen, als Zugmaschine für den Fordbus ein. Unterwegs in Richtung Moskau, wir waren alle auch schon ein bisschen müde, musste ich abrupt bremsen, da fuhr der Russe hinter mir auf die “Abschleppleine “, meinen Scorpio hob es vorne hoch, er wurde auf die Gegenspur der Autobahn geschleudert. Eine Leitplanke gibt es in Russland ja nicht. Ich sah schon das Schlimmste auf mich zukommen . Ein Militärfahrzeug kam auf mich zugerast, ich dachte, jetzt hat mein letztes Stündlein geschlagen . Wie durch ein Wunder hat er mich nicht erwischt. Ich setzte zurück, wollte wieder losfahren, da sah ich, dass sich die Leine in seinem Vorderrad verhakt und seinen Bremsschlauch abgerissen hatte. Das Bremsöl lief heraus. Wir versuchten den Schaden notdürftig zu beheben, sodass er eben nur noch auf drei Reifen bremsen konnte. So fuhren wir weiter, bis wir endlich in Moskau angekommen waren. Dort angekommen gab es natürlich gleich ein Donnerwetter. Valerie, der Vorgesetzte in Moskau, wollte den Fahrer gleich rausschmeißen. Ich konnte ihn gerade noch davon abhalten, so was könne ja schließlich jedem passieren . Dass mein Leben auf dem Spiel gestanden hatte, erzählte ich ihm gar nicht.

Als Belohnung für die Fahrt nach Moskau wollte ich dieses Mal eine Reise zu meinem Cousin nach Tadschikistan in die Hauptstadt Duschanbe machen. Mein Flugzeug ging am nächsten Tag um 11.15 Uhr, der Fahrer sollte mich auf den Flughafen bringen. Wir machten uns startklar und standen am nächsten Morgen pünktlich zur ausgemachten Zeit da. Aber wer nicht kam, war der Fahrer. Eine Stunde warteten wir, dann kam er plötzlich angerast. Wir fuhren in einem Affentempo durch Moskau und waren schließlich um elf Uhr auf dem Flugplatz . Ich hatte schon ein ordentliches Trinkgeld bereitgelegt, damit man uns gleich direkt zur Rollbahn vorließ. Das Flugzeug stand noch, aber die Türen wurden nicht mehr aufgemacht. Das Flugzeug wartete jeden Moment auf den Befehl zum Abflug.

Uns blieb nichts anderes übrig als wieder umzukehren . Im Büro von Valerie blühte dem Fahrer nun natürlich nichts Gutes, er wurde auf der Stelle entlassen. Fahrer gebe es in Moskau zu Genüge, meinte Valerie, sie bekamen ihren Lohn in Dollar ausbezahlt und bestimmt dreimal so viel wie ein normaler Arbeiter.

Ich nutzte diesen Tag in Moskau, um einen Besuch bei Rita und Olech, zwei Bekannten, zu machen, deren Eltern drei Jahre lang bei Mustermann in Schömberg gearbeitet hatten. Meine nächste Maschine nach Duschanbe ging um 22.30 Uhr. Schon um 20.30 fuhr ein Wagen vor, ein Fahrer und Valerie dabei, er wollte sich dieses Mal persönlich darum kümmern, dass wir hundertprozentig ins Flugzeug einsteigen könnten . Es hatte dann auch tatsächlich reibungslos geklappt. Ich kam am nächsten Morgen um sechs Uhr in Duschanbe an. Schon vom Fluggelände aus konnte ich meine Verwandten sehen, sie standen am Zaun und haben gewunken. Sie waren mit dem Auto eines Taxiunternehmers da. Mit diesem Taxiunternehmer hatte ich es noch öfters zu tun. Er hat mich eingeladen zu einem Urlaub in ein Feriendorf an dem Fluss Waksche. Die Ferienanlage war wunderschön mit Swimming-Pool und allem Luxus. Wir ließen es uns gut gehen. Der Fluss kommt aus den pamirischen Bergen und ist Wasserspeicher für das ganze Gebiet von Duschambe bis Afghanistan . Der Fluss ist so eiskalt, dass man darin nicht baden kann. Da sagte der Taxi­ Unternehmer, er gehe jetzt ins kalte Wasser und bleibe so lange drin, bis ich sage, er soll wieder rauskommen . Tatsächlich stieg er in den eiskalten Fluss und tauchte unter. Aber sobald er drin war, rief ich, er solle rauskommen. Er meinte, da sei ich aber gnädig gewesen. Obwohl er nur ganz kurz im Wasser war, hat er gezittert vor Kälte. Diese Nacht haben wir durchgefeiert, im Swimming-Pool gebadet. Am nächsten Tag traten wir die Rückfahrt nach Duschambe an. Ein paar Tage später fuhr ich mit meinem Neffen Waldemar, dem ich 10.000 Rubel für ein Auto geschenkt hatte, nach Kuibischew und in die benachbarte Kolchose Lermontov, in der wir gewohnt und gearbeitet hatten. Nach 29 Jahren kam ich nun also wieder in meine frühere Kolchose. Ich wollte sehen, wie es da ietzt aussah. Zu meiner Überraschung hat sich kaum etwas verändert.

Es gab natürlich mehr Häuser, aber das Wasser lief immer noch an der Straße entlang, so wie früher. Trinkwasser schöpfte man immer noch aus demselben Graben wie wir früher. Das Waksch­ Wasser, es war immer noch so lehmig. Wir haben es immer abends geholt und dann über Nacht stehen lassen, damit sich bis morgens der Lehm gesetzt hatte.

In der Nachbarschaft , wo früher die Schafe genächtigt hatten, stand nun ein Teehaus. Dahin ging ich und fragte, ob Kodir, mein damaliger Nachbar, noch lebe. Er musste inzwischen schon über 80 Jahre alt sein. Ich wusste, dass er einen Sohn und eine Tochter hat. Ich fragte also, und man sagte mir, Kodir lebe noch . “Da kommt sein Sohn”, rief einer. Ich ging auf ihn zu und fragte: “Was macht dein Vater?” Er schaute mich an und sagte: “Sie sind der Hans!” Er würde mich kennen aus den Beschreibungen , die sein Vater ihm gegeben habe. Jeden Tag habe er beim Teetrinken von mir erzählt und gesagt: “Hier, an diesem Platz, saß Hans immer.” Wir gingen rüber zu ihm, in Kodirs Hof rein. Er stand unter einem Baum, machte sich dort zu schaffen. Ich rief: “Kodir!” Es war nicht zu glauben, der Mann hat mich nach 29 Jahren an meiner Stimme erkannt. Er drehte sich um und schrie: “Janek, Janek!” so nannten sie mich damals. Wir fielen uns um den Hals und wollten uns gar nicht mehr loslassen. Dann gingen wir zusammen rein, da kam seine Frau . Man muss wissen, dass Kodir und seine Frau Muselmanen waren, und dass es sich für muselmanische Frauen nicht schickt, einen Mann zu begrüßen . Kodirs Frau aber sah mich und fiel mir um den Hals. Sie küsste mich, ich dachte, sie lässt mich nicht mehr los. Da merkte ich erst wieder, was für eine tiefe Freundschaft uns verband . Obwohl wir einen ganz unterschiedlichen Glauben hatten, verstanden wir uns so gut. Kodir sagte öfters: “Hans, du bist kein Christ, für mich bist du ein echter Tadschik, ein Muselman.” Wir konnten uns gegenseitig akzeptieren und auch die Tatsache, dass jeder einem anderen Glauben angehört. Unsere Freundschaft war einfach stärker. Als ich noch dort lebte, waren wir jeden Tag zusammen . Er schaute immer nach meinem Garten, ich habe ihm zum Ausgleich seinen Garten mitgepflügt, wenn ich mit meinem Traktor da war. Dass ich nicht bei Kodir übernachten wollte, nahm er mir allerdings übel.


Aber mir war das zu gefährlich. Unsere Fahrt in die Kolchose und nach Kuibischew war sowieso illegal. Mein Visum galt nur für Duschanbe, da war es mir verboten, woanders­ hin zu fahren. Die Stadt war an den Ausgängen streng bewacht. Mein Neffe kannte sich zum Glück aus, für unseren Ausflug nahm er eine Strecke, die nicht so stark kontrolliert war. Ich musste mich also wohl oder übel von meinem lieben Freund Kodir verabschieden. Wir fuhren weiter nach Kuibischew, auch da hatte sich kaum etwas verändert. Wir waren bei einem Freund meines Neffen zum Mittagessen eingeladen . Dieser Freund arbeitete in einer Fischfabrik. Er versprach, an einem der nächsten Tage nach Duschanbe zu kommen und Fisch vorbeizubringen. So war es auch. Er hatte eine ganze Wanne mit bestem, noch lebendem Fisch vorbeigebracht. Davon konnten wir zwei Tage lang essen. Es war ein richtiger Festschmaus, richtige Delikatessen. So verbrachte ich meinen Urlaub in Duschanbe. Die schöne Zeit ging vorüber, ich musste wieder zurück nach Moskau. Am Flughafen holte mich Alexej Mustermann ab, ein Kamerad , der drei Jahre in Schömberg gelebt hatte. Mit ihm fuhr ich nach Hause nach Kostroma . Dort verbrachte ich weitere acht Urlaubstage. Sie waren wunderbar. Wir fingen Fische im Kostroma-See . Einmal fuhren wir, zusammen mit seinem Freund Andrei, der später auch mein Freund wurde, mit einem Schlepper, der umgebaut war zum Luxusdampfer, auf den See hinaus. Da war alles drin, eine Küche, Schlafkojen und so weiter. Wir fuhren zu einem Jagdhaus, wo sie Bärenjagd veranstaltet haben, und verbrachten dort einen schönen Tag mit Fische fangen. Unsere Netze waren randvoll. Abends traten wir den Rückweg nach Kostrama an. Wir machten noch einige Ausflüge und Stadtbesichtigungen, dann ging auch dieser Urlaub vorüber. Meinen Abschied von Kostroma haben wir natürlich gefeiert. Andrei und seine Frau Jeanette waren da, Alexej und seine Frau Luba. Am nächsten Morgen fuhren wir ab in Richtung Moskau . Unterwegs nach Moskau haben wir schöne Kirchen besichtigt.

In einer Kirche stand eine noch verpackte Glocke. Da kam ein älterer Mann, er war der Aufseher dieser Kirche und ein Deutscher. Ich fragte ihn, warum die Glocke denn nicht aufgehängt werde, da meinte er, die Kirche hätte kein Geld dafür. Ich überlegte nicht lange und drückte dem Mann 200 Rubel in die Hand. Mein Freund schimpfte noch und meinte, ich würde so viel spenden, aber dafür nichts zurückbekommen . “Wo du hinkommst, jeder alten Frau, die dich anbettelst, gibst du großzügig etwas.” Für mich war das eine Selbstverständlichkeit. Wenn ich konnte, wollte ich den armen Leuten doch helfen, außerdem wusste ich, dass alles für einen guten Zweck war. In Moskau angekommen, verbrachte ich noch eine Nacht auf der Datscha von Mustermann und auch hier wurde noch einmal mit gutem Essen gefeiert. Die ganze Belegschaft vom Büro war gekommen, um sich von mir zu verabschieden. Am nächsten Morgen wurde ich zum Flughafen gebracht, dann flog ich ab nach Frankfurt.

Luxus-Urlaub in Finnland

Herr Mustermann hatte ein Ferienhaus in Finnland , direkt am Wasser, ein neuerbautes Holzhaus mit sieben Zimmern, das Auto stand in der Garage. Mustermann lud uns einmal ein, dort die Ferien mit seiner Familie zu verbringen. Meine Frau, Heike und ich, sowie der Prokurist Mustermann mit seiner Freundin flogen zusammen ab Frankfurt bis nach Kopio. Vom Flughafen wurden wir abgeholt. Die Strecke bis zum Haus in Leppävirta war schon sehr beeindruckend. Am Haus angekommen wurden wir von Herrn Mustermann und seiner Frau begrüßt, bevor wir unsere Zimmer aussuchen konnten . Mustermann selbst hatte ein Schlafzimmer mit integriertem Umziehzimmer und Bad. Die anderen Zimmer waren alle für Gäste, natürlich auch mit Bad. Das Schönste für mich aber war die Sauna. Es war ein Genuss, jeden Tag zu saunieren und dann, so heiß wie möglich aus der Sauna raus direkt ins kalte Wasser springen.

Vom Haus bis zum See waren es vielleicht zehn Meter. Wir verbrachten dort eine wirklich schöne Zeit. Die Familie Mustermann flog nach acht Tagen wieder nach Hause, sodass wir nur noch zu fünft waren und über alles verfügen konnten. Auch die Yacht, die am Ufer lag, stellte uns Mustermann zur Verfügung. Jetzt, wo seine Kinder nicht mehr da waren, die stets auch gerade dann aufs Boot wollten, wenn wir das vorhatten, konnten wir sie nutzen, wann wir wollten. So haben wir noch eine weitere Woche Urlaub in Finnland genossen. Zurück fuhr uns ein Finne nach Warkhaus, auf einen Einmann-betriebenen Flughafen, dann bis nach Helsinki und von dort weiter nach Frankfurt.


Das Ferienhaus von X. in Finnland

Einmal und nie wieder!”

Einmal musste ich den Mercedes von Finnland ins Ausland fahren. Damals durfte ein Auto mit deutschem Kennzeichen nur ein Jahr in Finnland bleiben, dann musste man über die Grenze und einen neuen Stempel holen, bevor man wieder mit dem Auto nach Finnland einreisen durfte. Ich flog rüber, verbrachte den Abend mit dem Chef uns seiner Frau und fuhr am nächsten Morgen mit dem Mercedes los Richtung Schweden . Ich fuhr rund zweieinhalb Stunden ins Landesinnere bis es dunkel wurde. Meine Suche nach einem Hotel zum Übernachten war sehr schwierig, erst recht spät hatte ich dann Glück. Es war gut, dass ich ein Auto mit Standheizung hatte. Die schaltete ich ein, damit ich am nächsten Morgen in ein warmes Autos steigen konnte. Am nächsten Morgen war alles weiß, der Schnee lag meterhoch, nur mein Auto stand da, wie wenn es überhaupt nicht geschneit hätte, die Standheizung hatte gute Arbeit geleistet. Ich fuhr wieder los, zurück nach Leppävirta , ins Haus von Mustermann. Er und seine Frau hatten auf mich gewartet, am Abend hieß es, wir fliegen mit einer Privatmaschine nach Helsinki.

Es war eine kleine Propellermaschine, die sah aus wie eine Heuschrecke, wir hatten gerade Platz. Kaum waren wir oben, fing ein Schneesturm an, ich dachte, jetzt ist alles zu spät. Ob es abwärts oder aufwärts ging, konnte ich nicht mehr ausmachen. Ich hielt mich krampfhaft fest und betete, hoffentlich kommen wir bald nach Helsinki. Dann hieß es, festhalten, wir fliegen Helsinki an. Sehen konnte man aber nur ein Licht, kein Haus, nichts, nur dieses große Licht. Dann sackte das Flugzeug mit einem Mal ab wie ein Stein. Mir kam der Magen bald zum Halse raus, dann setzte die Maschine auf und wir standen vor dem Flughafengebäude . Wie der Pilot das gefunden hat, ist mir ein Rätsel. Wir haben uns jedenfalls aufs herzlichste bei ihm bedankt, dass er uns lebend wieder runtergebracht hat. Zu meinem Chef aber sagte ich: “Einmal und nie wieder!”

Ein letztes Mal in Leppävirta

Im darauf folgenden Jahr wurde das schöne Haus aufgegeben. Ich weiß nicht warum , nur dass Mustermann mit der finnischen Partnerfirma Musterfirma in Streitigkeiten geraten war und das Haus dabei auf der Strecke blieb.

Meine Aufgabe war es nun zusammen mit Uli Mustermann, die Privatsachen von Mustermann aus dem Haus zu holen . Wir fuhren mit einem Mitsubishi-Bus nach Lübeck, setzten mit der Fähre über nach Helsinki und fuhren weiter nach Leppävirta . Dort luden wir den ganzen Hausrat ein. Da entdeckten wir einen Motorschlitten. Uli wollte ihn unbedingt mitnehmen. Ich hatte Bedenken wegen dem Zoll, wir ließen den Schlitten stehen. Dann fuhren wir wieder zurück auf die Fähre nach Helsinki bis nach Travemünde. Ich in Mustermanns Mercedes und Uli mit dem Bus.

Bei der Ausschiffung wurden wir gefragt, ob wir etwas zu verzollen hätten, was Uli in seiner Unverfrorenheit mit “nein” beantwortete. Die Zollbeamten winkten uns durch, mit einem Seufzer der Erleichterung fuhren wir los. “Siehst du”, meinte Uli zu mir, “wir hätten den Schlitten doch mitnehmen sollen!” Er hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, da blieb der Bus stehen, nur höchstens zehn Meter vom Zoll entfernt. Uli goss schnell Benzin aus dem Ersatzkanister nach, die Zollbeamten standen aber schon da und fragten, ob sie uns helfen könnten . “Nein, nein”, beeilten wir uns, “alles in Ordnung, nur der Sprit ausgegangen.” Uli fuhr dann weiter nach Schömberg, ich wollte einen Abstecher bei einem Schulkameraden in Hannover machen. Von Travemünde aus hatte ich mich schon telefonisch angemeldet und darum gebeten, dass seine Frau Mille mein russisches Leibgericht Blemene zum Abendessen kochen solle. Sie war bekannt dafür, dass sie dieses, den schwäbischen Maultaschen ähnliche Gericht wie keine andere zubereiten konnte. Ich kam an, nach der Begrüßung setzten wir uns gleich an den Tisch. Dann gab es noch ein paar Wodka und so gegen 22 Uhr setzte ich mich wieder ins Auto und fuhr heim.

Das merkwürdige Essverhalten in Stetten

Die Wurzeln von Melittas Mutter liegen in Stetten am kalten Markt, genauer gesagt in dem Ort Nusplingen . An meine erste Bekanntschaft mit diesem Teil der Verwandtschaft Stroppel erinnere ich mich noch sehr gut. Wir waren dort an einem Sonntag zu Besuch und kamen gerade um die Kaffeezeit. Es gab Kuchen, aber auch Wurst, Brot und alles, was man sonst eigentlich zum Abendessen isst. Ich ließ mir also den Kuchen schmecken und dachte, das Herzhafte esse ich lieber zum Vesper. Aber darauf habe ich vergeblich gewartet. Nachdem esschon deutlich in den Abend ging und immer noch kein Vesper aufgetragen wurde, fragte ich Melitta, warum es denn nichts zu essen gäbe. Sie lachte und meinte, das habe es doch am Nachmittag gegeben und klärte mich darüber auf, dass es hier Gewohnheit sei, zum Kaffee noch einmal ordentlich zu essen und dann nichts mehr. Mir knurrte aber der Magen, auf solche Gewohnheiten war ich nicht vorbereitet. Melittas Großmutter merkte das zum Glück und meinte, bei ihnen müsse niemand hungern, sie habe noch genug zu essen. Dann tischte sie reichlich Brot und Wurst auf. Schon nach dem ersten Bissen Brot dachte ich, das gibt es doch gar nicht. Dieses Brot schmeckte ganz genauso gut wie das unsrige damals in der Ukraine. Das Brot war früher schon immer ein großer Genuss für mich und genau denselben Genuss erlebte ich nun in Nusplingen.

Die Mutter von Melitta hatte Paul in Stetten kennen gelernt. Paul, gebürtig aus Zainen, war dort als Soldat. Die beiden wohnten nach ihrer Heirat zuerst für ein paar Jahre in Stetten. 1946 kam die junge Familie mit Sack und Pack nach Zainen , um dort den Hof von Pauls Eltern zu übernehmen. Paul arbeitete zusätzlich als Schuhmacher in Altburg, die Landwirtschaft betrieb er im Nebenerwerb. Nachdemes mit der Schuhmacherei immer mehr bergab ging, fing er bei dem Bauunternehmer Karl Mustermann in Schömberg als Hilfsarbeiter an. Dort arbeitete er so lange, bis die Zeppelin-Kaserne in Calw eröffnet wurde. Dort stellte man ihn als Schuhmacher ein, gearbeitet hat er aber in der Bekleidungskammer. Anstelle die Schuhe zu reparieren, hat er Schuhe, die noch nicht ganz kaputt, aber nicht mehr zu gebrauchen waren, vollends kaputt gemacht, damit man sie wegwerfen konnte. Paul arbeitete dort bis zu seiner Rente.

Er erlitt im Alter mehrere Schlaganfälle, an den Folgen des letzen ist er im Jahr 1995 verstorben. Seine Frau Anna starb acht Jahre später nach kurzer Krankheit.

Was wäre ich ohne meine Frau

Ein großes Glück in meinem Leben ist es, meiner Frau Melitta begegnet zu sein. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick, als ich sie damals in Zainen zum ersten Mal sah. Im Laufe der gemeinsamen Jahre ist es eine Liebe fürs Leben geworden. In Melitta habe ich eine Gefährtin gefunden, die das gleiche Bestreben danach hat wie ich, gemeinsam etwas Eigenes aufzubauen. Ohne fremde Hilfe und mit leeren Taschen haben wir begonnen , uns und unseren Kindern eine Existenz aufzubauen. Melitta stellte nie Ansprüche nach teuren Kleidern oder irgendwelchem Luxus. Sie kümmerte sich liebevoll um unsere Kinder und hielt mir den Rücken frei. Melitta hat mir die Freude am Leben wieder geschenkt.

Nur so war es möglich, dass wir uns eine ordentliche Existenz aufbauen konnten und unsere drei Töchter gut versorgt sind.


Melitta (hinten links) und ihre Zwillingsschwester Helga mit Nachbarskinder in Stetten

Ich schließe meine Lebensgeschichte mit einem Gedicht, das meine Nichte Ilona Mailänder zu meinem 70. Geburtstag geschrieben hat.

Heimat

Irgendwo zwischen Ukraine, Tadschikistan und Schwarzwald liegen Ural, Kaspisches Meer und Schwarzes Meer,
zwei Weltanschauungen, drei Sprachen und viele Neuanfänge ,
eine Jugend mit Kürbissen, Melonen und blauen Tomaten,
eine Familie und die Gemeinschaft der Arbeit, 
aber auch die Tschistka Stalins und der Terror, 
Sonne über fruchtbaren Landschaften , aber auch Vertreibung. 
Irgendwo zwischen Ukraine, Tadschikistan und Schwarzwald liegen Freunde, Mutter, Vater, Frau ,
die Politik Hitlers und Stalins die starben 1945, 1953 viel zu spät.
Irgendwo dort liegen Angst und Hunger, aber auch Freunde, die halfen,liegt das Ankommen in der neuen Heimat, die Gefährtin, die mit dir geht, noch heute, deine Kinder.

Irgendwo zwischen Ukraine, Tadschikistan und Schwarzwald heißt leben östlich und westlich arbeiten, auf dem Feld , in der Fabrik , als Fahrer, leben und arbeiten und immer wieder neu anfangen , bauen, anbauen und aufbauen, ein Haus, Kartoffeln , eine neue Familie bauen aus alten Erinnerungen und neuen Erfahrungen. Irgendwo zwischen Ukraine, Tadschikistan und dem Schwarzwald ist Heimat , was man sich baut.

Geschrieben von llona Mailänder zum 10. Oktober 1999

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